Das Spätmittelalter war die Zeit heroischer Wandermissionare.
Zahllose Angehörige der beiden großen Bettelorden zogen nach Asien, um dort als
Herolde des Evangeliums zu wirken und zu sterben. Weder die Tatsache, dass große
Teile West- und Zentralasiens vom Islam dominiert wurden, noch die rauen Sitten
der großen Nomadenvölker der eurasischen Steppe konnten diese apostolischen Wanderer
abschrecken. Sie hatten ja alles verlassen, um Christus, dem Gekreuzigten,
nachzufolgen. P. Leo Lemmens O.F.M. schreibt über ihre Gesinnung: „Hervorragendes
Merkmal unserer Glaubensboten ist ihr Mut und Opfersinn. Vielleicht zeigt kein
anderer Zeitraum so viele Hindernisse des Glaubenswerkes und so wenige
Umstände, die zu seinen Gunsten eingewirkt hätten.“
Eines der großen Hindernisse waren die riesigen Entfernungen, die damals größtenteils zu Fuß oder zu Pferd bestritten wurden. So ist es nachvollziehbar, dass der europäische Kontakt zum kaiserlichen Hof erst im Jahr 1266 während der Herrschaft von Kublai Khan hergestellt wurde. Der Großkhan richtete durch Niccolò und Maffeo Polo an den Papst die Bitte um Gelehrte, „die die Lehre von dem einen mächtigen Gott predigen könnten“. Verschiedene Zeitumstände führten dazu, dass erst mit Bruder Johannes von Montecorvino im Jahr 1289 ein päpstlicher Gesandter auszog, der auch an seinem Zielort ankam.
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| Die Gebrüder Polo bei Kublai Khan |
Bruder Johannes war 1246 oder 1247 im kampanischen Montecorvino Rovella geboren und war zunächst Arzt und Richter, bevor er in den Orden der Minderbrüder eintrat und sich dann als Orientmissionar vor allem in Armenien und Persien verdient machte. Als er 1289 von dort aus nach Rom kam, erteilte ihm Papst Nikolaus IV. die diplomatische Mission, päpstliche Schreiben an verschiedene Herrscher Asiens, darunter auch an den Großkhan in Kambaluk (Peking) zu übermitteln. So berichtet er: „Ich, Fr. Johannes von Montecorvino aus dem Franziskanerorden, reiste von Tauris [Täbris], der Perserstadt, im Jahr 1291 und überschritt die Grenzen Indiens und verweilte in der Gegend Indiens bei der Kirche des hl. Apostels Thomas dreizehn Monate und taufte dort gegen 100 Personen an verschiedenen Orten. Mein Gefährte war Fr. Nikolaus von Pistoia aus dem Orden der Predigerbrüder, der dort gestorben und in eben dieser Kirche beigesetzt ist. Weiterreisend kam ich nach Katai, dem Reiche des Kaisers der Tataren, welcher der Großkhan heißt“.
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| Timur Khan |
Timur Khan, der Enkel Kublais, empfing Bruder Johannes wohlwollend
und zeigte die für die mongolischen Herrscher charakteristische religiöse Duldsamkeit, die auch bei Özbek Khan der Goldenen Horde oder den persischen
Ilkhanen trotz ihres Bekenntnisses zum Islam zum Tragen kam. Der Mongolenkaiser
war zwar „im Heidentum ergraut“, doch ließ er den Franziskaner frei predigen.
Größere
Schwierigkeiten machten die nestorianischen Priester, die wie in Zentralasien
damals auch in China noch rührig missionierten. Sie verleumdeten ihn gar als
Raubmörder, so dass er sich über Jahre immer wieder vor Gericht verantworten
musste, bis die Wahrheit ans Licht kam und der Großkhan die Verleumder in die
Verbannung schickte. Trotzdem hatte Bruder Johannes weiterhin von dieser Seite
zu leiden; so versuchten die Anhänger des Nestorius, seinen Kirchenbau nachts
zu zerstören. Vermutlich handelte es sich dabei um dieselbe Kirche, die er 1299
fertigstellte und mit Darstellungen aus dem Alten und Neuen Bund und
Inschriften in lateinischer, persischer und uighurischer Sprache verzierte. Ohnehin
zeichnete ihn eine Liebe für einen würdigen Gottesdienst aus. Die 40 Knaben,
die der Missionar getauft und in Latein und Griechisch unterrichtet hatte, nahmen
am feierlichen Chorgebet teil und erfreuten auch den Kaiser mit ihrem Gesang. Bruder
Johannes übertrug neben seiner pastoralen Arbeit die Heilige Schrift in die mongolische
Sprache und benutzte dazu das geläufige uighurische Alphabet. Bis 1304 konnte
er 6000 Personen taufen oder in die katholische Kirche aufnehmen, darunter auch
den nestorianischen Öngüt-König Georg. Georg diente ihm von da an in fürstlichen
Kleidern am Altar. Besondere Hirtensorge von Br. Johannes erfuhren die Alanen,
die während der Mongolenherrschaft in China angesiedelt wurden. Die Angehörigen
des berühmten Reitervolkes hatten aus ihrer kaukasischen Heimat den griechisch-orthodoxen
Glauben mitgebracht und mieden die Nestorianer als Häretiker. „Der Apostel der
Alanen“ nahm viele von ihnen in die katholische Kirche auf und machte sie so zu
einer der Säulen der neuen Gemeinde. Bei all diesen Arbeiten ist zu bemerken,
dass Johannes von Montecorvino erst im Jahr 1303 einen ersten Gehilfen in Br.
Arnold von Köln erhielt. Nach Einschätzung von Br. Johannes hätte sich der Großkhan vielleicht bekehrt, wenn er noch zwei oder drei Mitarbeiter gehabt
hätte.
Im Jahr 1307, dem Todesjahr Timurs, erhob Klemens V. den eifrigen Missionar zum
Erzbischof von Kambaluk und entsandte sieben (laut Lemmens, nach anderen Quellen
sechs) Franziskanerbischöfe, die ihm die Priesterweihe spenden und seine Suffraganbischöfe
werden sollten. Nur drei von ihnen gelangten schließlich nach China und
konsekrierten im Jahr 1308 den neuen „Patriarchen des ganzen Orients“, den Gründer
der chinesischen Kirche. Seine Kirchenprovinz erstreckte sich vom Bistum Zaitun
(Quanzhou) an der Taiwanstraße über Almalek in Turkestan bis nach Kumuk im
Nordkaukasus – geradezu ein Sinnbild für seinen gigantischen Missionseifer.
Alle nun in China residierenden Bischöfe standen in hoher Gunst am Hof des
Großkhans, wobei Erzbischof Johannes vor allen anderen vom Kaiser geehrt wurde und
freien Zutritt zu ihm hatte.
Von Heiden und Christen beweint, starb Erzbischof Johannes
in Kambaluk im Jahr 1328. Johannes von Marignola berichtet 17 Jahre später,
dass er von „Tartaren und Alanen als Heiliger“ verehrt wurde. Zweifelsohne ist
Johannes von Montecorvino eine der bedeutendsten Figuren der Kirchengeschichte
Ostasiens. Möge ein erfolgreicher Seligsprechungsprozess auch zur Bekanntheit
seiner Person beitragen.
Literatur:
Dr. P. Leonhard Lemmens O.F.M.: Die Heidenmission des Spätmittelalters
P. Autbert Groeteken: Die Franziskanermissionen Chinas im Mittelalter


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