Neben dem Gründer Kardinal Lavigerie ist kein Name so eng
mit der frühen Entwicklung der Missionare von Afrika („Weiße Väter“) verbunden
wie der von Léon Livinhac. Der Gründer der Kirche Ugandas und direkte Nachfolger des imposanten Erzbischofs von
Algier führte die Weißen Väter durch turbulente Zeiten und förderte
gleichzeitig die afrikanischen Missionen als Ganzes, besonders auch die
Ausbildung eines einheimischen Klerus, die Lavigerie so am Herzen gelegen
hatte.
Der kränkliche Waisenjunge
Léon Livinhac wurde am 13. Juli 1846 als Sohn frommer
Bauersleute in der kleinen Gemeinde Buzeins in Okzitanien geboren. Wegen des
frühen Todes der Eltern wurde der Junge von seiner Großmutter und seinen Tanten
sowie von seinem Großonkel, dem Pfarrer von Bonneterre, aufgezogen. Er war ein
frommes und fleißiges Kind, jedoch schüchtern und kränklich. Seine Schulzeit am
Diözesankolleg von Saint Geniez wurde sogar durch eine Beinlähmung unterbrochen.
Es gab zunächst kaum Anzeichen, dass dieser Waisenjunge eines Tages einer der
bedeutendsten Afrikamissionare des 19. Jahrhunderts werden sollte. Als
seine Gesundheit schließlich genug gekräftigt war, konnte er 1867 ins Seminar
von Rodez aufgenommen werden, das damals von den Sulpizianern geleitet wurde.
Im selben Jahr trat Félix Charmetant in Algier ins Diözesanseminar ein und
stellte sich wenig später zusammen mit Francisque Deguerry bei Erzbischof
Charles Lavigerie vor, angetrieben von dem Wunsch, sich ganz der Mission unter
den Moslems und Heiden Afrikas zu widmen. Es war die Geburtsstunde der Weißen
Väter.
Der liebenswürdige Pater Charmetant wurde in den folgenden
Jahren von Lavigerie nach Europa geschickt, um dort um Missionspersonal zu
werben. So traf er im Seminar von Rodez auf den Seminaristen Livinhac, der sich
interessiert zeigte. Allerdings dauerte es bis zu seiner Diakonatsweihe im Jahr
1872, als Léon Livinhac auf die Ermutigung seines Freundes P. Charbonnier
ebenfalls zu den Missionaren von Afrika stieß.
Für Afrika geboren
Nur ein Jahr nach seinem Noviziatsbeginn und der
Priesterweihe durch Erzbischof Lavigerie wurde Livinhac zum Professor der
Dogmatik und zum Mitglied des Generalrats seiner Gemeinschaft ernannt. Zwischenzeitlich
leitete er auch die Prokur in Paris. Die Arbeit sagte ihm nicht zu. Kurze Zeit
später nach Algerien zurückgekehrt, sagte er: „Ich bin für Afrika geboren und
nur für Afrika“. Seine ersten missionarischen Erfahrungen sammelte er in
Ouadhias in Kabylien, wo er Seelsorgsarbeit unter der Berberbevölkerung
betrieb. Weitere wichtige Posten in der Ausbildung von Ordensmitgliedern
folgten, bis P. Livinhac 1878 von Lavigerie an die Spitze der ersten
Missionskarawane zu den Afrikanischen Großen Seen gesetzt wurde.
Die Mission in Uganda entwickelte sich rasch äußerst
günstig, wenngleich sie durch das komplexe Gefüge aus der Feindseligkeit des
Herrschers Mutesa – der die Missionare ins Land geholt hatte – und
der Einflussnahme arabischer Händler und europäischer Kolonialmächte am Hof stets
in ihrem Bestehen bedroht war. Zugleich mit seiner angestrengten missionarischen
Arbeit betätigte sich P. Livinhac als Linguist und schrieb die erste
Grammatik der Luganda-Sprache, die 1885 erschien. Im Jahr 1883 erfolgte die
Ernennung Livinhacs zum Apostolischen Vikar von Victoria-Nyanza. Zum bischöflichen
Motto hatte er sich den Spruch Totus tuus ego sum („Ich bin ganz dein“) erwählt,
ein Ausdruck seiner tiefen Marienverehrung. Da die Bischofsweihe im Maison
Carrée in Algier durch Kardinal Lavigerie gespendet wurde, dauerte es bis Juni
1886, als Msgr. Livinhac in seine Mission zurückkehren konnte.
Bischof der Märtyrerkirche
Die Lage in Uganda hatte sich weiter zugespitzt. Als König
Mwanga, Mutesas Sohn und Nachfolger, seine katholischen Diener und Beamten
verfolgte, stärkte sie Msgr. Livinhac mit dem Sakrament der Firmung. Bis
zu fünfmal pro Nacht suchten die Christen ihren Bischof im Schutz der
Dunkelheit auf, um sich auf den grausamen Martertod vorzubereiten. Wiederholte Versuche
von Seiten der Mission, den König von seinem Tun abzubringen, waren gescheitert.
Aufgrund der gespannten Lage, die auch nach dem Ende der Verfolgung durch
Mwanga eine Gefahr für die Missionare darstellte, verbrachte Msgr. Livinhac die
meiste Zeit seit seiner Ernennung in Bukumbi in Tansania. Kardinal Lavigerie
hatte seinen Missionaren streng befohlen, ihr Leben zu schonen, und Livinhac war
immer bestrebt, die Weisungen seines geistlichen Vaters aufs Genaueste zu
befolgen. Ein geschichtsträchtiges Ereignis brachte das Jahr 1887, als Livinhac
Pater Jean-Baptiste Charbonnier in Kipalapala zum Bischof weihte. Dieser
war zum Apostolischen Vikar von Tanganyika ernannt worden. Es war die erste
Bischofsweihe in Äquatorialafrika.
Als Nachfolger Lavigeries
Bald kam die direkte Missionstätigkeit Msgr. Livinhacs zu
einem jähen Ende: Das Generalkapitel in Karthago wählte ihn im September 1889
in seiner Abwesenheit zum Generaloberer der Weißen Väter. Am darauffolgenden
Pfingstfest weihte er seinen Nachfolger Jean-Joseph Hirth zum Bischof, bevor er
das Land der Großen Seen für immer verließ.
Noch bis zu seinem Tod im Jahr 1892 blieb Kardinal Lavigerie
das alleinige Haupt seiner Missionsgesellschaft. Alle Werke waren engstens mit
seiner imposanten Person verbunden. Kritiker bescheinigten den Weißen Vätern
eine kurze Lebensdauer nach dem Tod ihres Gründers. Doch durch Msgr. Livinhac,
den der Kardinal sich wegen seiner Frömmigkeit und Gelehrtheit als Nachfolger wünschte,
nahm die Gemeinschaft in den nächsten 30 Jahren eine noch klarere Form an.
Die Aufgaben und Schwierigkeiten für den neuen Oberen entsprachen
in ihrer Zahl und Komplexität den bewegten Zeiten. Gerade in den 1890er Jahren galt
es, die Mission gegenüber den verschiedenen Kolonialmächten Innerafrikas zu
vertreten. Zu den interkonfessionellen Konflikten zwischen Protestanten und
Katholiken in Uganda kam hinzu, dass die Briten die französische
Missionsgesellschaft als verlängerten Arm der französischen Regierung wahrnahmen.
Msgr. Livinhac musste diesen Irrtum klarstellen. Er ging im Jahr 1895 sogar so weit,
dass er das Apostolische Vikariat des Obernils der britischen Missionsgesellschaft
von Mill Hill übergab, um die Wogen zu glätten. Es ging ihm nicht um die
Erhaltung des Apostolats der Weißen Väter, er wollte vielmehr das Bestehen der katholischen
Missionen gegenüber der weltlichen Macht und der starken protestantischen Präsenz
sichern.
In Frankreich bedrohten die antiklerikalen Gesetze der 1900er Jahre das Wirken
der Weißen Väter. Besonders in Algerien, wo den Missionaren bereits die direkte
Missionsarbeit unter der muslimischen Bevölkerung verboten war, wurde die
Gesellschaft bis 1914 fast vollständig aus dem Unterricht verdrängt.
Großes Leid brachte der Erste Weltkrieg. Sechzig Mitglieder der
Missionsgesellschaft starben im Krieg, eine ähnlich hohe Zahl an Berufungen
ging verloren. Msgr. Livinhac unterließ es nicht, seine geistlichen Söhne
auf den Schlachtfeldern mit seinen Rundschreiben zu stärken und sie zu einem musterhaften
sittlichen Betragen und zur Selbstheiligung zu ermahnen.
Wirken für die Gesellschaft und die afrikanischen Missionen
Die Rundschreiben waren sein Hauptmittel, den guten Geist und
die Treue zur Missionsgesellschaft unter seinen weitverstreuten Missionaren zu
fördern und wichtige missionarische Anweisungen zu geben. So warnte er im
Rundschreiben von Lichtmess 1918 davor, auf möglichst schnelle Taufen abzuzielen.
Es sei besser, eine geringere Zahl von vorbildlichen Christen zu haben, als mittelmäßige
und schlechte, die andere Leute abstoßen würden. Speziell lag ihm auch die Bildung
eines einheimischen Klerus am Herzen. Er folgte der Ansicht Kardinal
Lavigeries, dass Afrika durch Afrikaner bekehrt werden würde. Die afrikanischen
Seminaristen sollten gründlich ausgebildet und geprüft werden und nur bei
zweifelloser Bewährtheit zur Weihe zugelassen werden. Als kluger Kenner innerafrikanischer
Verhältnisse zeigte sich Msgr. Livinhac unter anderem, als er auf dem Generalkapitel
1906 davor warnte, in Gegenden, wo der Fetischglaube noch stark war, viele
Andachten einzuführen und viele verschiedene Medaillen zu verteilen. Es könne
sonst bei den Neuchristen der Eindruck entstehen, dass es sich hier um Talismane
im heidnischen Sinne handelte.
Der Generalobere stand in hohem Ansehen bei seinen
Missionaren, ja im Ruf der Heiligkeit. Das erklärt seine dreimalige Wiederwahl,
die 1906 zur Ernennung als Generaloberer auf Lebenszeit führte. Pius X.
bestätigte die Ordenskonstitutionen im Jahr 1908 endgültig. Während der 30-jährigen
Amtszeit Livinhacs wuchsen die Weißen Väter nicht nur in den Missionen, sondern
auch in Europa und Kanada beträchtlich. Verschiedene Provinzen, darunter auch
in Deutschland, wurden errichtet. Eine große Freude brachte das Jahr 1920, als
Ugandas Märtyrer von Papst Benedikt XV. seliggesprochen wurden.
Am 11. November 1922 starb Msgr. Léon Livinhac im Maison Carrée
in Algerien nach fast 50 Jahren im Dienst der afrikanischen Missionen. Seit
1975 ruhen seine Gebeine in Uganda in der Memorial Chapel von Nabulagala, von
wo aus er mit seinen Gefährten 1879 begann, das Land zu missionieren. An diesem Ort hatte der junge Pater Léon Livinhac das erste heilige Messopfer auf dem Boden Ugandas gefeiert.

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