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| Río Neuquén in Patagonien (Autor: Andarin2) |
Herr Dominikus Milanesio aus der Kongregation der Salesianer berichtet
aus Chile über einen traurigen Unfall, der seinen Bischof, Msgr. Cagliero, auf
einer Missionsreise betroffen:
„Unsere Mission in den Einöden Patagoniens hatte vier Monate gewährt und mit
Gottes Segen reiche Früchte getragen. Wir hatten Negro Muerto, Choel-Choel,
Chichinal, S. Flora, Roca und las Cavanitas am Ufer des Rio Negro besucht.
Sodann waren wir 90 Meilen den Neuquen und Rio Agrio entlang gezogen, um zwei
neue Stationen zu Codihue und Aorquin zu gründen. Dort, am Fuß der Kordilleren,
hatte Msgr. Cagliero ein Kapellchen zu Ehren der hl. Rosa eingesegnet, P.
Panaro soll hier den Dienst versehen.
Im ganzen betrug der Weg unserer
apostolischen Wanderung 250 Meilen; jedem Stamme, den wir trafen, verkündeten
wir die frohe Botschaft des Heiles; überall wurden wir mit Freuden aufgenommen.
Am 2. März schlossen wir die Mission von Malbarco. Zwei Stunden nach Mittag
begaben wir uns auf den Weg, um in Chacay Mlei-hue, das 7 Meilen höher liegt,
die gleiche Tätigkeit zu beginnen.
Bis jetzt hatten wir uns ausschließlich sanfter
Reittiere, deren Charakter uns wohl bekannt war, bedient; allein da dieselben
sehr abgemagert und matt waren, ließen wir sie zurück und nahmen von unseren
Gastfreunden mit herzlichem Dank frische Pferde. Der Bischof indes schien ein
Unglück zu ahnen; denn nur ungern wollte er sich des neuen Tieres bedienen.
Unter dem Schutz der allerseligsten Jungfrau setzten wir uns in Bewegung. Herr
Lucas Becerra, unser zuvorkommender Wirt, ließ es sich mit acht anderen
Kolonisten nicht nehmen, den Bischof und seine Missionäre bis auf den halben
Weg zu begleiten.
Drei Viertelstunden ritten wir den Rio Nehueve entlang, ehe
wir ihn auf einer Furt übersetzen konnten. Dann ging es aufwärts über steile
Pfade.
Oben fanden wir in reizender Lage bei kühlem Wasser eine verlassene
Hütte, in der wir uns für die Nacht einrichteten. In der Morgendämmerung nahmen
Herr Lucas und fünf seiner Gefährten Abschied, die drei anderen wollten uns bis
zur nächsten Mission das Geleit geben.
Ein Kuhhirte aus den Anden war unser
Führer; chilenische Kaufleute, die bei den armen Bewohnern ein kleines Geschäft
zu machen hofften, hatten sich der Reisegesellschaft angeschlossen. Heiter
eilten wir die Höhe der Mala-Cuhuello hinan, nur Msgr. Konnte sich trüber
Ahnungen nicht entschlagen.
Kaum hatten wir zwei Meilen zurückgelegt, da ging
sein Sattelgurt los und schlug heftig in die Seiten und um die Füße des
Pferdes. Das Tier scheut, wird unruhig, bäumt sich und jagt dann in wildem
Galopp über den jähen, steinigen Pfad längs den grausigen Abgründen.
Sie können sich unsere Angst denken; hinter ihm drein sprengen, hätte unfehlbar
das wilde Tier nur noch wütender gemacht. Wir hielten den Atem an und beteten
aus Herzensgrund für die Rettung unseres Bischofs.
Dieser hatte, Gott sei Dank,
seine volle Besinnung bewahrt. Er empfahl sich dem Schutz Mariens und sprang
aus dem Sattel. Zum Glück hatte eine weniger gefährliche Stelle gewählt, sonst
wäre er sicher des Todes gewesen.
Im Nu waren wir an seiner Seite. Unter tausend
Fragen suchten wir ihn aufzurichten; es dauerte jedoch mehr denn zwei Stunden,
ehe er uns zu antworten vermochte. Die erste Sorge des Oberhirten, als er
wieder zu sich kam, war die, seine Umgebung zu beruhigen. ‚Nada, Nada, es ist
nichts‘, war sein Trost.
Als er bemerkte, wie heftig Don Milanesio weinte,
sagte er: ‚Warum so untröstlich, Don Milanesio, wollen sie mich glauben machen,
ich sei verloren? Nur wie Rippen von allen gebrochen, das ging doch noch gut
ab! Man lebt auch so noch mit einer oder zwei weniger. Mut! Mut! Das geht
wieder vorbei.‘ Dann setze er hinzu: ‚Der liebe Gott hat es so geschickt, er
sei gepriesen, sein heiliger Wille geschehe. Maria von der immerwährenden Hilfe,
bitte für mich.‘
Je mehr der Verwundete zu sich kam, desto fühlbarer machten
sich die Schmerzen; wir bereiteten ihm so gut es ging ein Lager aus unseren
Pferdedecken und betteten ihn darauf.
Sofort ritt einer den vier Kolonisten
nach, welche sich vor kurzem verabschiedet hatten, um ihnen Kunde von dem
Unglück zu bringen. Bald nachher waren sie sämtlich zurück.
Der Schmerz der
guten Männer beim Anblick ihres leidenden Oberhirten war groß, namentlich Herr
Lucas Becerra konnte sich der Tränen nicht erwehren.
Der Bischof versuchte ihn
zu trösten; er nahm ihn freundlich bei der Hand und sagte lächelnd: ‚Mein
lieber Herr Lucas, könnten Sie nicht in der Nähe einen Schmied auftreiben?‘
Verwundert ob dieser Frage versetzte der Angeredete: Das dürfte schwer halten,
indes unmöglich ist es nicht; aber was wollen Ehrwürdige Gnaden mit dem
Schmied?‘ — ‚Das ist doch einfach, er soll mir meine zwei Rippen wieder an die
rechte Stelle setzen.‘ Bei solchen Gesprächen hätte man nicht glauben sollen,
welch heftige Schmerzen der Bischof auszustehen hatte.
Es war schon 8 Uhr morgens, die Sonne brannte schon heftiger, da trugen wir
Msgr. behutsam in den Schatten eines Felsens, während einige wohl 2 Meilen weit
her Wasser holten.
Um die Schmerzen des Verwundeten zu lindern, befeuchteten
wir die leidenden Stellen mit unserem Messwein. Der linke Lungenflügel hatte
offenbar gelitten. Ich ließ den Kranken einige Schluck Wein nehmen, was ihn
sichtlich stärkte. Inzwischen hielten wir Rat über die nächste Zukunft.
Der
hochw. Herr konnte unmöglich hier bleiben, wo es an allem zu seiner Pflege
gebrach. Wir suchten das frömmste Tier unter unseren Pferden aus und hoben den
Bischof darauf.
Vor ihm saß einer unserer Begleiter, zu beiden Seiten schritten
zwei andere, während ich das Tier sachte am Zügel führte. Der Abstieg
verursachte dem Verwundeten neue Qualen. Unablässig rief er in den heftigen
Schmerzen die heiligen Namen an.
Als wir den Neuquen erreicht hatten, verließen
den Bischof die Kräfte; seine tiefen Seufzer zerschnitten uns fast das Herz. ‚Es
geht gut, allein die Lunge will nicht recht arbeiten‘ sagte Msgr. ganz ergeben.
Es war hohe Zeit, dass wir uns bald menschlichen Wohnungen näherten, sonst wäre
der Bischof erlegen. Im Hause des Herrn Lucas hatte die besorgte Frau alles zur
Aufnahme des Kranken hergerichtet.
Während wir abwechselnd Tag und Nacht bei
dem Oberhirten wachten, verschafften ihm die einfachen Mittel des Hausherrn
wunderbare Linderung. Am ersten Tag hatten wir einen Expressboten nach Chile abgeordnet.
Derselbe sollte von den Franziskanern in Chillan die unentbehrlichsten Arzneien
bringen.
Der Bote legte den Weg in 10 Tagen zurück und kam Dank der Güte der
Patres reich beschenkt zurück. Indessen erholte Msgr. sich langsam.
Täglich
kamen die Eingeborenen scharenweise, um sich nach ihrem Vater zu erkundigen und
ihm Geschenke zu bringen.
Am 12. März erhob sich der Kranke zum ersten Mal, Tags darauf an einem Sonntag
ließ er sich nicht abhalten, einigen 20 Personen die heilige Firmung zu
spenden.
Am Fest Mariä Verkündigung feierte Msgr. Cagliero seit seinem Sturz
wiederum das erste heilige Messopfer, reichte 18 Personen die heilige Kommunion
und firmte 11 weitere.
Diese Anstrengung ermüdete ihn jedoch so, dass er sich
abermals zu Bett legen musste.
(Aus: die katholischen Missionen, 1887)