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Sonntag, 19. März 2023

„Es werden mich selig preisen alle Geschlechter“: Unsere Liebe Frau von China in Donglü

 


Wie der Wallfahrstort Sheshan ist auch Verehrung Unserer Lieben Frau von China in Donglü (auch Tonglu in deutschen Quellen) in der Provinz Hebei auf Zeiten der Drangsal für die katholische Kirche im Reich der Mitte zurückzuführen.

Das Dorf Donglü in der heutigen Präfektur Baoding, ca. 180 km südwestlich von Peking gelegen, hatte zur Zeit des Boxeraufstands im Jahr 1900 eine katholische Gemeinde von ca. 1000 Seelen, die von französischen Lazaristen an der Kirche Unserer Lieben Frau seelsorglich betreut wurden. Als die Gemeinde von einer großen Armee aus Mitgliedern des Geheimbundes der Boxer belagert wurde, soll die allerseligste Jungfrau in weißen Kleidern über der Kirche erschienen sein. Nach einiger Zeit zogen die Boxer wieder ab, ohne die Kirche zu zerstören. Aus Dankbarkeit gegenüber der allerseligsten Jungfrau, der die Kirche von Donglü geweiht war, wurde 1901 eine neue größere Kirche gebaut und die Lazaristen ließen ein Marienbild anfertigen, das fortan auf dem Hauptaltar verehrt wurde. Im Jahr 1908 gab der neue Pfarrer, P. René Flament, eine neue Darstellung der allerseligsten Jungfrau und des Jesuskindes in traditioneller chinesischer Kaisertracht bei dem chinesischen Jesuitenbruder Liu Bizhen in Auftrag. Bruder Liu vereinte im ursprünglichen Bild europäische und chinesische Elemente. Nach dem ersten chinesischen Nationalkonzil im Jahr 1924 förderte der Apostolische Delegat Celso Costantini, der sich sehr für eine verchristlichte chinesische Kunst stark machte, die Verbreitung des Bildes, das bald in leicht abweichenden Versionen in ganz China zu finden war. Über dem Originalbild in der Kirche in Donglü steht die Anrufung „Heilige Mutter Gottes, Königin von Donglü, bitte für uns“.[1]

Inneres der alten Kirche von Donglü

Im Jahr 1928 bat Erzbischof Costantini den damaligen Pfarrer von Donglü, P. Trémorin, Donglü zu einem offiziellen Wallfahrtsort zu machen.[2] Die erste organisierte Wallfahrt nach Donglü fand am 7. Mai 1929 unter Teilnahme von 10.000 Christen und 30 Priestern. Die Zahlen wuchsen deutlich an: bereits 1931 waren es 25.000 Pilger, im Jahr 1936 waren es 35.000, die in den Ort mit etwa 4000 Einwohnern strömten, deren Großteil Katholiken waren. In Anerkennung dieser Beliebtheit erhob Pius XI. Donglü 1932 offiziell zum Marienwallfahrtsort. Durch den Krieg mit Japan fanden die Wallfahrten 1938 ein Ende; im Jahr 1941 wurden alle Kirchengebäude durch japanische Artillerie zerstört. In der Folge machte Kardinal Thomas Tien, Erzbischof von Peking, die Kirche St. Marien vor den Toren Pekings, die bereits 1650 gebaut worden war, zum Wallfahrtsort. Auch dorthin zogen vieltausendköpfige Pilgerströme.[3]

Bischof Melchior Sun C.M. mit dem Allerheiligsten bei der ersten Wallfahrt nach Donglü



Ordensbrüder aus der Gemeinschaft der „kleinen Brüder des hl. Johannes“ bei der Wallfahrt

In den Jahren 1989–1992 wurde die neugotische Kirche in Donglü wieder aufgebaut. Es wird berichtet, dass sich am 23. Mai 1995 eine außergewöhnliche Marienerscheinung vor den Augen von etwa 30.000 Gläubigen, 4 Bischöfen und 100 Priestern ereignet hat. Ähnlich wie beim Sonnenwunder in Fatima bewegte sich die Sonne hin und her und gab bunte Strahlen ab, während Unsere Liebe Frau von China mit dem Jesuskind erschien. Die Dauer dieser Erscheinung betrug 20 Minuten. Am Folgetag, dem eigentlichen Fest von Unserer Lieben Frau von China, versuchten die Behörden, den Pilgern den Zugang zum Wallfahrtsort vollständig zu verwehren.[4] Im Jahr 1996 wurde Donglü durch 5000 Soldaten und 30 Panzerfahrzeuge von der Außenwelt abgeschnitten und die Wallfahrtskirche zerstört und das Bild konfisziert.[5] Seitdem unternimmt die Regierung große Anstrengungen, um Wallfahrten nach Donglü zu verhindern. So werden in der Region Straßensperren mit bewaffneten Wachposten errichtet[6], und Privatpersonen, die mit ihrem Auto nach Donglü fahren, wird der Führerschein entzogen.[7]

Inneres der Kirche im Jahr 2004 (Quelle)

In Meishan in Taiwan wird in einem Nationalheiligtum Unserer Lieben Frau von China eine Statue verehrt, die auf dem Bild von Unserer Lieben Frau in Donglü basiert. Die Statue wurde am am 14. August 2022 kanonisch gekrönt.

Wie Sheshan ist Donglü Symbol der Marienliebe und des Glaubensgeistes der Katholiken Chinas, besonders in Zeiten der Verfolgung, die im Reich der Mitte seit jeher so häufig sind.


 


[1] Clarke, Jeremy: The Virgin Mary and Catholic Identities in Chinese History. Hong Kong University Press 2013
[2] Chabonnier, Jean-Pierre: Christians in China: A.D. 600 to 2000. Ignatius Press, San Francisco 2007
[3] Fleckner, Johannes: Thomas Kardinal Tien. Steyler Verlag, St. Augustin 1975
[4] http://www.therealpresence.org/eucharst/misc/BVM/103_DONG_LU_96x96.pdf
[5] Dies war wohl keine vollständige Zerstörung der Kirche, da diese immer noch existiert und das Gnadenbild heute wieder dort zu sehen ist. Es handelt sich hierbei vermutlich – genauso wie bei dem konfiszierten Bild – um eine Kopie.
[6] https://www.asianews.it/news-en/Chinese-authorities-block-pilgrimage-to-Marian-Shrine-in-Donglu-28031.html
[7] http://www.cardinalkungfoundation.org/ar/AMiracle.php

Sonntag, 12. März 2023

„Es werden mich selig preisen alle Geschlechter“: Nationalheiligtum und Basilika Unserer Lieben Frau von Sheshan (China)

Marienwallfahrtsorte in den Missionen

Wie auch in den alten katholischen Gebieten Europas haben sich in den Missionsländern Wallfahrtsorte zu Ehren der Mutter Gottes entwickelt. Ihre Ursprünge sind unterschiedlicher Natur, wobei wohl jene die höchste Anziehungskraft haben, die auf eine Erscheinung der allerseligsten Jungfrau zurückzuführen sind, wie die Wallfahrt zu Unserer Lieben Frau von Guadalupe in Mexiko[1]. Andere wurden an Stellen errichtet, an denen die heidnische Bevölkerung früher einer Muttergottheit oder einem Bodhisattva[2] in weiblicher Form huldigte. So wurde in den Missionen heidnische Kultstätten auf ähnliche Weise verchristlicht wie im Westen. Des Weiteren seien noch solche Wallfahrten zu nennen, die aus einer einfachen Marienkapelle entstanden, die die Missionare einst an einem beliebigen Ort errichteten und der sich in der Folge großer Beliebtheit beim katholischen Volk erfreute und so zum Wallfahrtsort wurde.[3] In diesem Kapitel sollen einige bedeutende Wallfahrtsorte Asiens und Afrikas und nach ihrer Entstehungsgeschichte, dem verehrten Gnadenbild und ihrer Bedeutung behandelt werden. Sie sind vielleicht der bedeutendste sichtbare Ausdruck der Seligpreisung Marias durch alle Völker.


Blick auf den Turm der Basilika von Sheshan mit der Statue Unserer Lieben Frau an der Spitze (Quelle: Michele)

Nationalheiligtum und Basilika Unserer Lieben Frau von Sheshan (China)

Der Sheshan-Hügel[4] ist eine langgestreckte Anhöhe, die sich in einer Entfernung von etwa 35 km vom Shanghaier Stadtzentrum über das Umland erhebt. An seiner westlichen Spitze befindet sich das „Nationalheiligtum und die Basilika Unserer Lieben Frau von Sheshan“ ( 佘山進教之佑聖母大殿), das in der heutigen Form 1936 fertiggestellt wurde. Die Kirche wurde 1942 von Pius XII. zur Basilika erhoben. Der traditionelle Wallfahrtstermin ist der 24. Mai[5], das Fest Marias, Hilfe der Christen, unter deren Titel die Wallfahrt im Jahr 1866 gegründet wurde.

Früheres buddhistisches Grabmal auf dem Sheshan

Seine Entstehung verdankt das Nationalheiligtum der Jesuitenmission von Shanghai, die 1863 ein Grundstück auf dem Hügel, der einst heidnischen Gottheiten bzw. Buddhas geweiht war, erwarb. Die Chinesen verehrten neben dem eigentlichen Buddha dort die Buddhas Mitu und Guanyin[6]. Letztere hatte Ihre eigene Pagode am Fuße des Hügels, die sich zur Zeit des Kaufs jedoch in „äußerst kläglichem Zustand“ befand. Lange erfreute sich der Sheshan oder Zose großer Beliebtheit als Wallfahrtsort und Begräbnisstätte, sodass „zu bestimmten Zeiten des Jahres Tausende und aber Tausende armer Heiden hierhin“ strömten. In den 1850er Jahren jedoch stürzten die Pagoden ein oder brannten nieder.[7] Nachdem die Kirche die Grundstücke erworben hatte, wurden ein Exerzitienhaus der Jesuiten sowie eine Muttergotteskapelle gebaut, die Bischof Adrien Languillat von Shanghai am 1. März 1868 samt der Statue Unserer Lieben Frau, Hilfe der Christen, weihte. Als der Taiping-Aufstand im September 1870 die Diözese bedrohte, gelobte der damalige Obere der Jesuitenmission der allerseligsten Jungfrau den Bau einer Basilika, wenn die Diözese verschont bliebe. Nachdem der Überfall der Aufständischen ausgeblieben war, begaben sich die Jesuiten daran, Spenden für den Kirchenbau zu sammeln, und Msgr. Languillat konnte am 24. Mai 1871 im Beisein von 6.000 Menschen den Grundstein für die neue Wallfahrtskirche legen, die er schließlich am 15. April 1873 weihen konnte. Schon im darauffolgenden Jahr gewährte Papst Pius IX. den Pilgern, die im Marienmonat Mai die Wallfahrt machten, einen vollkommenen Ablass. Im Jahr 1894 wurde auf halber Wegstrecke die Zhong-Shan-Kapelle („auf der Mitte des Hügels“) gebaut, die Maria als der Gnadenvermittlerin geweiht ist. Folgende Inschrift ist an die Pilger gewendet: „Mache eine kurze Rast bei der kleinen Kapelle auf dem halben Weg zur Spitze des Hügels und erweise deine Ehrerbietung. Das Heiligtum ist auf der Spitze des Berges. Erklimme einige weitere Stufen und bitte um die Barmherzigkeit der Mutter Gottes“. Auf den Bau dieser Kapelle folgten bald drei Kapellen auf dem Gipfel, die dem heiligsten Herzen Jesu, der allerseligsten Jungfrau Maria und dem heiligen Joseph geweiht sind. Der Weg zur Basilika ist wie an vielen europäischen Wallfahrtsorten von den 14 Kreuzwegstationen gesäumt.

Der alte Wallfahrtskomplex mit Kirche

Die erste dort verehrte Marienstatue schien eine Lourdes-Madonna gewesen zu sein[8]; später wurde die Spitze des Glockenturms mit einer Statue der „Helferin der Christen“ in chinesischem Stil geschmückt: Maria, die auf dem Rücken eines Drachen steht, hält das Jesuskind, welches seine Arme in Kreuzesform ausbreitet, hoch über ihren Kopf. Diese Statue wurde während der maoistischen Kulturrevolution zerstört; im Jahr 2000 wurde ein Replikat dieser Statue angefertigt, das mittlerweile wieder den Turm ziert. Auf dem Hauptaltar der Basilika ist die „klassische“ Statue der Helferin der Christen aufgestellt.


Hochaltar mit Statue Unserer Lieben Frau, Helferin der Christen (Quelle: fayhoo)

Das Replikat der Statue im chinesischen Stil (Quelle: Peter Potrowl, https://www.sitemai.eu/)

Die Missionszeitschrift Die katholischen Missionen berichtete im Jahr 1878 vom Hergang der Marienwallfahrten, die zu dieser Zeit bereits Christen aus einem größeren Umkreis anzogen:

„Um uns eine Vorstellung von dem kirchlichen Leben zu geben, welches hier herrscht, schließen wir uns der großen Mai-Wallfahrt an. Wir versetzen uns im Geiste nach Wu-si, einer Stadt am Nordende des großen Taihu-Sees, ungefähr halbwegs zwischen Nanking und Schanghai. Hier finden wir am 21. Mai schon um fünf Uhr morgens die etwa 2.000 Seelen zählende christliche Gemeinde in der Kapelle versammelt, um der heiligen Messe und dem Unterricht beizuwohnen. 250 Personen empfangen die heilige Kommunion. Nach dem Gottesdienst verteilen sich die Pilger, etwa 1.000 an der Zahl, auf die 150 Boote. Kaum jemals den Tag über verstummt das Rosenkranzgebet. Nachmittags fünf Uhr steigen sie in Yang-ka-kiao, einer eifrigen Gemeinde von etwa 1.300 christlichen Fischersleuten südlich von Sutscheu, ans Land. Diese empfangen ihre Glaubensbrüder am Ufer und geleiten sie sofort in die Kirche zu gemeinschaftlichem Rosenkranz und Gebet. Ein kurzer Unterricht und ein von chinesischen Stimmen in chinesischer Sprache gesungenes Omni die beschließen den Tag. Am folgenden Morgen (22. Mai) ist um 4.30 Uhr Messe, in welcher 50 Personen sich dem Tische des Herrn nahen und der Missionär einen Unterricht über das Gebet hält. Dann werden die Barken wieder bestiegen und vorwärts geht es durch Kanäle und Seen, bis des Abends das Fischerdorf Lo-ka-pang erreicht ist. Hier segnet und verteilt der Missionär am 23. des Morgens die mit dem Heiligsten Namen prangenden Wimpel für die Boote. Die Heiden sammeln sich erstaunt am Ufer, um Zeugen dieses für sie so neuen Schauspiels zu sein.

Vom Morgen an ist der Berg Sose bereits weithin über die Ebene sichtbar, und da die Windungen der Kanäle die Boote zu mehrfachen Umwegen nötigen, so bietet uns derselbe einen stets wechselnden Anblick. Endlich um zwei Uhr nachmittags, von der lieben Maiensonne beschienen, legt die Flottille am Fuß des Berges an, freudig begrüßt von den Missionären und der Menge fremder Pilger.

Der folgende 24. Mai war das Hauptfest von Sose, das Fest Unserer Lieben Frau unter dem Titel ‚Hilfe der Christen‘. Anwesend waren 15.000 christliche Pilger, von denen wenigstens 12.000 aus weiter Ferne kamen, und etwa 5.000 Heiden aus Neugierde. Wer schildert den Andrang zum Gottesdienst und zu den Übungen der Andacht! Unsere Christen von Wu-si traf die Reihe der Kreuzwegandacht von 5.00 bis 5.30 Uhr abends. Man denke sich dieselben in Gruppen von beinahe 100 Personen auf die einzelnen Stationen verteilt, wie sie mit lauter, fester und zugleich andächtiger Stimme auf die Gebete antworten. Sie alle hatten freudig acht Tage der Arbeit und des zeitlichen Gewinnes zum Opfer gebracht, um dem Heiland und seiner heiligen Mutter diesen Beweis kindlicher Verehrung zu geben und im Angesicht ihrer heidnischen Mitbürger dieses offene Bekenntnis ihres Glaubens abzulegen.

Am 25. des Morgens sollte die feierliche Prozession das Fest beschließen. Bereits um fünf Uhr war ein jeder auf seinem Posten; jeder trug auf der Brust ein kleines Stück weißer Leinwand mit einem aus rotem Zeug geschnittenen Herzen. Voran schritt der Kreuzträger; dann kamen zwei Pilger, goldene Herzen und ein silbernes Gefäß tragend, worin sich eine Liste der im verflossenen Jahr gebeteten Rosenkränze befand; darauf die Fahne des Vereins der heiligen Kindheit, umgeben von einigen hundert Knaben im Alter von 6 bis 13 Jahren; dann die acht Banner der verschiedenen Kongregationen von Wu-si, umgeben von 170 in Chorhemden gekleideten Männern, welche Kerzen in der Hand hielten; nun folgte eine Gruppe von 200 bis 300 Männern mit Fähnchen, denen das Banner des Mäßigkeitsvereins vorangetragen wurde; dann die Fahnen des heiligsten Herzens Jesu und des Gebetsapostolats, 25 Priester und 19 Kleriker, der Zelebrant in der Chorkappe. Ihm schlossen sich an 100 Mann mit Fähnchen, 40 kleine Mädchen von der heiligen Kindheit, ebenfalls mit Fähnchen und geschart um das Banner Unserer Lieben Frau, 24 der Rettung ausgesetzter Kinder geweihte Jungfrauen mit einer neuen, kostbaren Fahne von der unbefleckten Empfängnis, die kleinen Mädchen der Schule von Wu-si, und endlich mehr als 300 Mütter mit ihren Kindern auf dem Arme, die sie Unserer Lieben Frau weihen wollten. 

Um sechs Uhr setzte sich die Prozession, laut den Rosenkranz betend, in Bewegung und um sieben Uhr zog sie in die Kirche ein. Der Kreuzträger war bereits vor der Statue Unserer Lieben Frau von Lourdes angelangt, welche mit der Inschrift Tscheng-Mu-Malija, ‚Heilige Mutter Maria‘, den Hauptaltar schmückt, als die Letzten des Zuges noch kaum auf halber Höhe des Berges sich befanden. Nur diejenigen, welche mit an der Prozession Teil genommen hatten, konnten in der Kirche selbst Platz finden. Alle Banner wurden im Chor aufgepflanzt; die 170 Männer mit den Chorhemden stellten sich in doppelter Reihe von der Kommunionbank bis zum Portal auf. Alles verlief in schönster Ordnung. Während des Hochamtes nahten sich 800 bis 900 Personen dem Tische des Herrn, im Ganzen an diesem Morgen 3.700. Dann folgte die Predigt. Unmittelbar bevor der letzte Segen mit dem Allerheiligsten gegeben wurde, erneuerten alle unsere Christen, Männer und Frauen, Alt und Jung, die Weihe zum göttlichen Herzen Jesu. Die jüngeren Mitglieder des Mäßigkeitsvereins, 90 an der Zahl, erneuerten gleichfalls ihr Versprechen. Nach der Danksagung des Priesters brachten endlich noch die Mütter ihre Kinder Unserer Lieben Frau dar, und die Absingung der Marien-Litanei beschloss die Feier. Um 9.30 Uhr hatten bereits sämtliche Barken den Fuß des Berges wieder verlassen.

So steht es heute mit der Herrlichkeit des heiligen Berges Sose. Außer den beim Hauptfest anwesenden Prozessionen und Pilgern habe im Mai 1877 etwa 20.000 Christen das Heiligtum U.L.F. auf dem Sose besucht, und abgesehen von den 3.700 heiligen Kommunionen am Fest selbst näherten sich im nämlichen Monat noch über 3.000 Personen den heiligen Sakramenten in der Wallfahrtskirche.
Gepriesen sei Gott und die heilige, unbefleckte Gottesmutter, die Helferin der Christen!“[9]

(Quelle: lobia)

Im 20. Jahrhundert wuchs die Wallfahrt noch weiter. Im Jahr 1924 führte der Apostolische Delegat von China, Erzbischof Celso Costantini, die Väter der ersten chinesischen Nationalkonzils, das in Shanghai tagte, auf den Sheshan, um China der Mutter Gottes zu weihen. Im selben Jahr fand der Abriss der alten Kirche statt, die für den Andrang an Wallfahrern zu klein geworden war. Unter der Aufsicht des portugiesischen Jesuitenpaters Diniz wurde die aktuelle Basilika im neoromanischen Stil errichtet und 1935 fertiggestellt. 

Die Jahrzehnte seit Beginn der kommunistischen Herrschaft waren geprägt von ständiger Verfolgung von Seiten des christenfeindlichen Staates. Vor diesem Hintergrund führte der damalige Bischof von Shanghai, Ignatius Kung, im Jahr 1952 seinen Klerus einschließlich der Seminaristen in die Basilika, um Unserer Lieben Frau von Sheshan feierlich zu versprechen, den Glauben zu bewahren und dem Papst die Treue zu halten. Der Großteil der Priester blieb treu, einschließlich des Bischofs selbst, der später 33 Jahre in kommunistischer Haft verbrachte und während seiner Haft von Papst Johannes Paul II. im Geheimen zum Kardinal ernannt wurde.[10]

In den 1950er Jahren wurde die Basilika unter die Kontrolle der staatstreuen Chinesischen Patriotischen Katholischen Vereinigung gestellt. In den Jahren der Kulturrevolution von 1966 bis 1976 kam es zu Vandalismus in und an der Wallfahrtskirche und die Nebengebäude wurden teilweise zerstört. Die Statue Unserer Lieben Frau von Sheshan wurde wie oben erwähnt vom Turm entfernt. Erst im Jahr 1981 erlaubte die Regierung wieder Wallfahrten nach Sheshan. Noch im selben Jahr verurteilten die Behörden Bischof Zhu Bayou zu 10 Jahren Zwangsarbeit für „gegenrevolutionäres Verhalten“, da er eine Pilgergruppe nach Sheshan geführt hatte.[11] Im Jahr 1982 wurde am Fuß des Sheshan-Hügels das gleichnamige Priesterseminar eröffnet, das zu den 12 vom Staat „offiziell anerkannten“ Seminaren gehört.[12] 

Auch seit der „Öffnung“ unter Deng Xiaoping wurden Wallfahrten durch die Regierung immer wieder verboten, ja sogar das längere Verweilen auf dem Berg selbst, wobei Scheingründe vorgeschoben werden, so etwa verschärfte Sicherheitsmaßnahmen aufgrund der Olympischen Spiele in Peking im Jahr 2008 oder der Weltausstellung in Shanghai im Jahr 2010.[13] Im Jahr 2019 unternahm die Partei Schritte, um eine Pilgerfahrt der romtreuen Untergrundkirche zu verhindern, und forderte Pilger zum Absingen der Nationalhymne auf.[14] Im Jahr 2021 verbot die Staatsführung die Wallfahrt vollständig, denn auch Chinas Katholiken sollten das einhundertjährige Bestehen der Kommunistischen Partei, die 1921 in Shanghai gegründet worden war, feiern. So ist auch der Sheshan Gegenstand des jahrtausendelangen Kampfes zwischen der Gottesgebärerin und der alten Schlange, dem Teufel.

Im Jahr 2008 verfasste Papst Benedikt XVI. zum Weltgebetstag für China ein Gebet zu Unserer Lieben Frau von Sheshan, dessen letzte Strophe lautet:

„Unsere Liebe Frau von Sheshan, unterstütze den Einsatz all derer, die in China unter den täglichen Mühen weiter glauben, hoffen und lieben, damit sie sich nie fürchten, der Welt von Jesus und Jesus von der Welt zu erzählen. An der Statue, die über dem Heiligtum thront, hältst du deinen Sohn hoch und zeigst ihn der Welt mit ausgebreiteten Armen in einer Geste der Liebe.

Hilf den Katholiken, stets glaubwürdige Zeugen dieser Liebe zu sein, indem sie mit dem Felsen Petrus vereint bleiben, auf den die Kirche gebaut ist.

Mutter von China und von Asien, bitte für uns jetzt und immerdar. Amen!“[15]

 


[1] Aufgrund des hohen Bekanntheitsgrads und der zahlreichen Schriften, die über dieses Gnadenbild existieren, soll hier nicht näher darauf eingegangen werden.
[2] Wesen, die nach buddhistischer Anschauung nach höchster Erkenntnis streben. Derartige Darstellung sind vor allem in Ostasien verbreitet.
[3] Peters, Joseph: Maria, seliggepriesen von allen Völkern.  a.a.O.
[4] Zose im Shanghai-Dialekt. Unter diesem Namen war die Kirche früher auch im Westen bekannt.
[5] Von Papst Benedikt XVI. im Jahr 2007 als „Weltgebetstag für die Kirche in China“ ausgerufen.
[6] Die vielverehrte „Göttin der gütigen Liebe“.
[7] Der Wallfahrtsort Mariahilf auf dem Sose in Kiangnan. In: Die katholischen Missionen. Herder’sche Verlagsbuchhandlung, Freiburg 1878
[8] Der Wallfahrtsort Mariahilf auf dem Sose in Kiangnan. a.a.O.
[9] Der Wallfahrtsort Mariahilf auf dem Sose in Kiangnan. a.a.O.
[10] https://catholicism.org/ignatius-the-life-of-ignatius-cardinal-kung-pin-mei.html
[11] https://www.crisismagazine.com/2020/the-curious-case-of-bishop-zhu-baoyu
[12] Tang, Edmond und Wiest, Jean-Paul: The Catholic Church in Modern China: Perspectives. Wipf and Stock, Eugene 2013
[13] https://www.asianews.it/news-en/Tourists,-not-pilgrims,-welcome-in-Sheshan-24820.html
[14] https://www.catholicnewsagency.com/news/248676/catholics-in-china-told-to-celebrate-communist-party-and-forgo-marian-pilgrimage
[15] https://www.vatican.va/content/benedict-xvi/de/prayers/documents/hf_ben-xvi_20080515_prayer-sheshan.html


Sonntag, 4. November 2012

Ein chinesisches Lourdes


Die unbefleckt Empfangene, die Frankreich ein Lourdes, Belgien ein Oostacker und fast jedem katholischen Land ein kleines oder größeres „Lourdes“ geschenkt hat, hat auch die Heidenländer nicht vergessen. In Ts’ing-Yan in der chinesischen Jesuitenmission Kiangnan wollte sie sich in unseren Tagen ein neues Lourdes erwecken.


Ein Pater, der vor 20 Jahren in Lourdes selbst wunderbar geheilt wurde und seine Krücken dort aufgehängt hat, P. Stephan Chevestier S.J., teilt uns einiges über die Entstehung dieses Wallfahrtsortes mit.
Ts’ing-Yan ist eine nicht unbedeutende Handelsstadt, in der Mitte zwischen Usi am Kaiserkanal und Kiang-Yng am Jankstekiang gelegen. Im Jahre 1902 erbaute die Mission dort eine kleine Kapelle zu Ehren U.L. von Lourdes. 


Die Obern hatten durchaus nicht die Absicht, einen Wallfahrtsort zu schaffen. Besaß man doch schon drei Wallfahrtsorte in der Mission, darunter den berühmten von der Immerwährenden Hilfe zu Zo-se. Man wollte nur für die bescheidenen Gemeinde von 67 Katholiken, die in der Umgebung zerstreut wohnten, eine Seelsorgestation errichten. In der Stadt Ts’ing-Yan selbst gab es kaum einen Christen.


Es sollte anders kommen. Im gleichen Jahre 1902 wurde die ganze Provinz von einer pestartigen Seuche schwer heimgesucht. In dieser Not nahmen die Christen in der Umgebung von Ts’ing-Yan ihre Zuflucht zu U.L. Frau von Lourdes. Wer immer konnte, wallfahrtete nach Ts’ing-Yan zu der neuerbauten Kapelle. Wer zu schwach dazu war, schickte wenigstens seine Angehörigen dorthin und hielt zu Hause eine neuntägige Andacht zur Mutter Gottes von Lourdes. 

Und merkwürdig! Während auf den Missionen ringsum Hunderte von Christen der Pest zum Opfer fielen, blieb die Gegend von Ts’ing-Yan völlig verschont. Kein einziger von den Katholiken starb an der Pest.

Von den vielen wunderbaren Heilungen aus dieser Zeit nur ein Beispiel. Ein angesehener Kaufmann in Ts’ing-Yan, noch Katechumene, wurde von der Pest befallen. Die Ärzte hatten ihn schon aufgegeben; in zwei oder drei Tagen werde er tot sein. Da begann er auf den Rat einer Schwester eine neuntägige Andacht zur Mutter Gottes von Ts’ing-Yan. 

Sein heidnischer Sohn betete sie ihm vor. Gleich am ersten Abend der neuntägigen Andacht war er ganz geheilt, am dritten Tage konnte er schon wieder zum Erstaunen seiner Nachbarn in seinem Laden tätig sein. Dieses Ereignis erregte großes Aufsehen bei Heiden und Christen.

Am meisten trug eine brave alte Bauersfrau, Sih Zen-ze mit Namen, zur Verbreitung der Andacht bei. Die Mutter Gottes hatte sie 1902 ganz plötzlich von einer schweren Krankheit geheilt. So auffällig war die Heilung, dass selbst die Heiden sagten: „Die gute Mutter der Christen hat ein Wunder gewirkt.“ 


Aus Dankbarkeit suchte sie überall die Verehrung der Mutter Gottes von Ts’ing-Yan zu verbreiten. So oft Pilgerscharen ankamen, sah man Sih Zen-ze im Hof vor der Kapelle von Gruppe zu Gruppe gehen und durch ihre begeisterten Erzählungen das Vertrauen auf Mariens Hilfe stärken. Im April dieses Jahres ist die „Geheilte von Ts’ing-Yan“, wie sie in der ganzen Provinz genannt wurde, im Alter von über 70 Jahren in ein besseres Jenseits abberufen worden, betrauert von den Christen der ganzen Mission.


Inzwischen nahm der Zudrang zum Wallfahrtsort immer mehr zu. Vier große Pilgerzüge kommen jedes Jahr nach Ts’ing-Yan. An diesen Tagen empfangen über 1000 Pilger in der Wallfahrtskapelle die heilige Kommunion. Allerdings unter Schwierigkeiten! Die kleine Kapelle fast knapp 200 Andächtige, die übrigen müssen draußen im Hof bis zur zweiten, dritten, fünften Messe warten. Gleich nach der heiligen Messe muss der Priester die Pilger drängen, die Kapelle zu verlassen, um den folgenden Platz zu machen. 


So können sich die guten Leute, die weit her gewandert sind, nicht einmal ruhig ausbeten und der Mutter der Gnaden ihr Herz ausschütten. Immer dringender wurde das Bedürfnis eines Neubaus. Schon seit langem bestürmten die Christen die Missionäre mit der Bitte, eine schöne große Wallfahrtskirche zu bauen. 

Aber es fehlten die Mittel. Auch wollten die Missionäre abwarten, ob die Begeisterung nicht bald wieder schwinden werde. Aber die Prozessionen nahmen von Jahr zu Jahr zu. Die armen Christen sammelten unablässig für einen Neubau. Rührend ist es, zu sehen, wie diese armen Leute ihren Schnüre von Sapeken freudig in den Opferstock werfen. 

Dank dem Edelmut dieser Armen haben die Missionäre ein Grundstück für den Neubau erwerben können und in diesem Sommer im Vertrauen auf die Hilfe aus Europa den Bau begonnen. Die neue Kirche soll ungefähr 2000 Menschen fassen. Den Turm wird ein Standbild U.L. Frau krönen, „damit Maria ihr neues Königreich besser überschauen und segnen könne.“
Welche Bedeutung der Bau für die Festigung und Ausbreitung des Christentums hat, leuchtet ein. Bei Heiden und Christen zeigen sich die segensreichen Früchte dieser Wallfahrten. Die Christen führt Maria so zur öfteren heiligen Kommunion und vertieft dadurch ihr Christentum. 


Auch die Heiden lernen die „gute Mutter der Christen“ lieben, wenden sich mit ihren Anliegen an sie, und manche finden so den Weg zur Kirche. Jetzt in den letzten Monaten hat sich ein angesehener Bürger von Ts’ing-Yan mit seiner ganzen Familie in die Kirche aufnehmen lassen. Seine Bekehrung wird gewiss nicht ohne Einfluss auf seine Mitbürger bleiben.


Manche von unseren Lesern und Leserinnen, die von der Mutter Gottes von Lourdes einen Hulderweis empfangen haben, suchen nach einer Gelegenheit, sich ihr erkenntlich zu erzeigen. Welche Votivtafel wäre Maria angenehmer als ein Baustein zu ihrem Gnadenthron im Heidenland!


(aus: die katholischen Missionen, 1914)

Mittwoch, 20. Juni 2012

Wallfahrt zum Haus der Muttergottes in Ephesus


Das Haus der Muttergottes bei Ephesus


Auf den Bergen südlich von Ephesus in Kleinasien, gegenüber der Insel Samos, ist seit sechs Jahren ein altes Heiligtum der lieben Mutter Gottes wiedergefunden worden. Es ist das kleine Häuslein von Panagia-Kapuli, d.h. die Pforte Unserer Lieben Frau. Wie schon der Name anzeigt, wird es als die ehemalige Wohnung der hehren Gottesmutter betrachtet, die mit dem heiligen Apostel Johannes nach der Himmelfahrt des Herrn sich in diese einsamen anmutigen Berge zurückzog und dort ihr Leben in Betrachtung der Geheimnisse des Leidens ihres Sohnes und der Liebe seines göttlichen Herzens verbrachte.
Die erste Veranlassung zu der bedeutsamen Entdeckung gab die Beschreibung von dem Hause und der Gegend, welche in dem „Leben Mariä nach den Gesichten der gottseligen Anna Katharina Emmerich“ gegeben wird.
Seither ist nun schon wiederholt ein sehr zahlreicher Pilgerzug unter Führung des hochw. Herrn Erzbischofs Andreas Polykarp Timoni von Smyrna (heute Izmir) nach jenem alten Heiligtum gewallfahrtet. Das erste Mal waren für die Pilger etwa 600 Plätze in der Eisenbahn belegt worden, mit welcher sie bis Ephesus fahren mussten.
Als man aber am Morgen des bestimmten Tages sich versammelte, da waren nicht bloß 600, sondern die dreifache Zahl, 1800 Pilger, erschienen. Mit einiger Mühe gelang es, auch für diese große Schar Platz zu schaffen.
Am letzten Pilgerzug im vergangenen Mai nahmen mindestens 2000 Wallfahrer teil. Von Ephesus ging es zu Fuß auf dem neu angelegten Pfad zu dem armen Häuslein auf dem Bulbul-Dagh oder Nachtigallenberg. Der hochwürdigste Oberhirte war wie früher an der Spitze des frommen Zuges. Voll Andacht wohnten alle der heiligen Messe bei, die in der kleinen unscheinbaren Wohnung gefeiert wurde; nur wenige konnten innerhalb der vier engen, dachlosen Mauern selbst Platz finden.

Zu diesen wenigen gehörte aber einer, für den dieser Wallfahrtstag der glücklichste seines Lebens werden sollte. Es war ein hochgestellter Herr aus der nahen Stadt, der schon 30 Jahre nicht mehr die heiligen Sakramente empfangen hatte und nur seiner Frau zu lieb und von Neugier getrieben mitgegangen war.
Beim Eintritt in das armselige Häuslein traf ein Strahl der Gnade das arme Herz. Das Eis war gebrochen, auf einmal alles in ihm geändert. Er bekehrte sich vollständig und hat seither schon zweimal wieder in der armen Wohnung Mariä die heiligen Sakramente empfangen.
Denn „wenn ich wieder Katholik bin, dann will es auch ganz sein“, hatte er gesagt.
So wirkt Maria, die liebe Gottesmutter, auch hier im Türkenland wie überall zum Heil der Seelen.

(Aus: die katholischen Missionen, 1897)