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Mittwoch, 16. Dezember 2015

„Ihr habt uns Predigten gehalten, die Steine hätten erweichen können“ – Franziskaner im Heiligen Land

Pilger in Betlehem, Weihnachten 1890

Ein Bericht über Volksmissionen, die 1875 von den Franziskanern im Heiligen Land gehalten wurden:

Nach Beit-Dschala kam das Dorf der Hirten an die Reihe. Es liegt auf dem Hügel von Betlehem selbst, etwa 20 Minuten unterhalb der Stadt gegen Osten. Der Hügel ist reich an Höhlen, in welchen man irdene Lampen und Gefäße aller Art, steinerne Messer und Werkzeuge findet, zum Beweise, dass vor Alters diese Höhlen bewohnt waren. Jetzt wohnen nur mehr etliche arme Familien darin. Der Stall von Bethlehem war eine solche Grotte; in der am weitesten nach Osten gelegenen Höhle sollen die Hirten gewacht haben, als ihnen der Engel die Geburt des Heilandes verkündigte. Das Dorf der Hirten zählt gegenwärtig ungefähr 1.000 Bewohner, von denen sich eine beträchtliche Anzahl vom Schisma zur katholischen Religion bekehrt hat. Diesen geistigen Nachkommen der Hirten predigten wir von dem Gott der Patriarchen, seinem Sohne, seiner Kirche; und auch sie haben sich ob der frohen Kunde gefreut, sie haben den Heiland gefunden und verkünden nun anderen den Trost, welchen sie in seiner Nähe verkostet haben.


Von dort wendeten wir uns nach Betlehem selbst. Unter den 5.000–6.000 Einwohnern von Betlehem finden sich 3.500 Katholiken, arbeitsame, betriebsame Leute. Besonders gewandt sind sie in Anfertigung von Schnitzarbeiten, welche Geheimnisse des Evangeliums darstellen; auch Kreuze aus Perlmutter und Rosenkränze aus den Körnern des Ölbaumes verfertigen sie und bringen sie selbst nach Europa und sogar bis nach Amerika zum Verkauf. Sie tragen ein Gewand aus blauem Stoff, einen wollenen, weiß und rot gestreiften Mantel und eine schwere, unförmige Kopfbedeckung. Die Frauen gehen barfuß, vielfach auch die Männer. Dürftige gibt es keine unter ihnen; ihre Sitten sind patriarchalisch; nur hat die häufige, meistens feindliche Berührung mit den Nomadenstämmen der Wüste ihren Charakter etwas verwildert; sie sind streit- und rachsüchtig, lieben auch das Geld gar zu sehr, so dass sie zuweilen ihre Töchter um den Preis von 5.000–6.000 Piaster den Schismatikern verkaufen. Das waren die Leute, denen wir das Jubiläum zu predigen hatten, und auch hier waren unsere Bemühungen von Erfolg gekrönt. „Ihr habt uns Predigten gehalten, die Steine hätten erweichen mögen; nun, wir wollen, was wir früher getan, nicht wieder tun“ –so sprachen am Ende der Mission einige von denen zu uns, die sich der eben erwähnten Vergehen schuldig gemacht hatten.
(Aus: die katholischen Missionen, 1876)

Sonntag, 30. November 2014

So geht „Ökumene“

Der griechisch-melchitische (katholische) Patriarch Petrus IV Geraigiry (im Text Giragiri), zuvor Bischof von Paneas

Recht beachtenswerte Aufschlüsse über die Strömungen innerhalb der nicht-unierten Kirchen gibt uns der folgende Brief des griechisch-melchitischen Bischofs von Paneas, Msgr. Giragiri. Als er eben im Begriff war, so erzählt er darin, einer Einladung des griechisch-katholischen Patriarchen von Jerusalem, Gregor I., zum Eucharistischen Kongress in Jerusalem Folge zu leisten, wurde seine Abreise durch einen unangenehmen Zwischenfall verzögert. In einem kleinen Städtchen, Al-Kiam, und im Dorf Kuraihas wurden zwei seiner Priester von einflussreichen, feindseligen Schismatikern in einen Prozess verwickelt. Der Bischof musste ihnen zu Hilfe kommen; er schickte ihnen das für die Fahrt nach Jerusalem ersparte Reisegeld und begab sich persönlich nach Gedaïhah und Hasbaïa, um vor den dortigen Tribunalen Recht zu verlangen.

In Hasbaïa sollte er unerwartet eine große Freude erleben. Die Stadt, am südwestlichen Abhang des großen Hermon, ist einer der Hauptorte im Gebiet des Anti-Libanon mit reger Industrie und Obst- und Weinbau. Sie zählt nur wenige Katholiken; doch sind die Schismatiker im Augenblick recht günstig gestimmt. Ihr Bischof, Msgr. Missaël, begrüßte den katholischen Oberhirten bei seiner Ankunft aufs Freundlichste. Msgr. Giragiri erwiderte am folgenden Tag den Besuch. Zu seinem nicht geringen Erstaunen fand er im Empfangszimmer des schismatischen Bischofs die Porträts Leo XIII., Se. Eminenz des Kardinals Rampolla und des letztverstorbenen Präfekten der Propaganda, Kardinal Simeoni, und anderer römischer Prälaten. Auf seine verwundernde Äußerung erklärte Msgr. Missaël: „Ich habe diese Porträts mir kommen lassen, weil ich die römische Kirche und ihre Oberhirten liebe.“ Beiläufig gesagt ist es keine Kleinigkeit, hier zu Lande, selbst in größeren Städten, sich dergleichen Porträts zu verschaffen.
„Im Laufe der Unterredung“, so erzählt nun Msgr. Giragiri, „sagte ich scherzend zum schismatischen Bischof: ‚Sie haben gewiss Angst, dass ich Ihnen keine Schäflein mehr übrig lasse. Wissen Sie was, Monseigneur, treten Sie mit Ihrer ganzen Herde zu uns über, und bleiben Sie dann in der katholischen Gemeinschaft deren Hirte. Ich selbst lege dann mein Amt nieder, oder werde, falls es Ihnen recht ist, Ihr Koadjutor.‘ Der Bischof erwiderte lächelnd: ‚Es wird wohl schließlich dazu kommen, nur mit dem Unterschied, dass ich dann Ihr
Koadjutor werde und Sie selbst die ganze Sorge für unser geistliches und zeitliches Wohl übernehmen.‘

Ich predigte dann vom Tag meiner Ankunft (Freitag vor Passionssonntag) an bis zum Montag in der Karwoche täglich zweimal, am Morgen und am Abend. Die Kirche konnte die Menge nicht fassen. Mehrere angesehene Personen sagten zu mir: ‚Es ist ausgemachte Sache, wir werden alle katholisch.‘ Andere verlangten eine zweite Reihe von Predigten, um sich vor ihrem Übertritt noch besser zu belehren. Von allen Seiten wurde ich gedrängt, in der Stadt jährlich mein Absteigequartier zu nehmen und einige Wochen bei ihnen zuzubringen. Ich dankte Gott für die Wendung dieser Dinge; denn gerade in Hasbaïa hatte ich früher die heftigsten Anfeindungen gefunden. (…) Jetzt ist die Stimmung ganz verändert, und die Bekehrung dieser Stadt, des Hauptbollwerks des Schismas in meiner Diözese, scheint nur mehr eine Frage der Zeit. Ist aber einmal Hasbaïa gewonnen, so würde sofort auch die umwohnende Landbevölkerung folgen. Diese scheut bis jetzt den Einfluss der reichen Schismatiker in der Stadt, die ihr Geld leihen und ihr in ihren Prozessen helfen, und so den guten Willen dieser Leute hemmen.“

(…) Msgr. Giragiri erzählt dann weiter seine Reise nach Rom, die er im Namen des griechisch-unierten Patriarchen von Jerusalem mit zwei anderen orientalischen Bischöfen unternahm, um dem Heiligen Vater die Glückwünsche seiner Kirche darzubringen. Mit dem größten Interesse erkundigte sich der Papst nach der Bewegung, die sich unter den Schismatikern zu Gunsten der Wiedervereinigung bemerkbar mache. „Machen Sie es nicht“, sagte er dem Bischof beim Abschied, „wie Gregor der Wundertäter, der bei seinem Einzug als Bischof von Neo-Cäsarea dort 17 Gläubige vorfand, bei seinem Tod aber 17 Heiden hinterließ. Sie werden die Katholiken zu Hunderten vorfinden und dürfen keinen einzigen Schismatiker hinterlassen. Ich werden Gott recht inständig darum bitten.“


(Aus: die katholischen Missionen, 1893)

Freitag, 19. September 2014

Die Gründung des Karmelitinnenklosters in Bethlehem

Die ersten Karmelitinnen von Bethlehem. Die selige Mirjam von Abellin ist mit einem Kreuz markiert, sie hat laut dieser Quelle den Standort des Klosters ausgewählt. Sie nahm ebenfalls an einer Karmelgründung in Südindien teil. (Das Foto ist leider etwas unscharf, ich habe es im Museum des Karmels in Betlehem aufgenommen)

(…) Wir haben uns so lange bei diesem ersten Kloster aufgehalten [dem Kloster auf dem Ölberg in Jerusalem], dass wir uns für die Gründung des zweiten kurz fassen müssen. 

Als die ersten Karmelitessen im Oktober 1874 in Jerusalem eintrafen, vermutete wohl niemand, dass kein Jahr vergehen würde, bis eine zweite Kolonie nachfolgen würde, um ein zweites Kloster in Angriff zu nehmen. Und doch sollte es so geschehen. Am 24. September, dem Fest Unserer Lieben Frau von der Erlösung der Gefangenen, schlossen sich zehn Schwestern aus Pau in einem kleinen Karmel zu Bethlehem ein, um ganz in der Nähe der Grotte der Geburt des Herrn ihr Leben in Gebet und Buße für die Bekehrung der Sünder aufzuopfern. 

Die Feier der Besitzergreifung fand in der Geburtsgrotte selbst statt, in Gegenwart von Msgr. Bracco. Dort vor der Krippe des Jesuskindes erzählte der Abbé Bordachar, welcher vom hochwürdigsten Bischof von Bayonne beauftragt worden war, die Schwestern nach Bethlehem zu geleiten, die verschiedenen Phasen der Gründung dieses Klosters. 

Zahllose Schwierigkeiten hatten sich von allen Seiten erhoben, aber die Vorsehung hatte sie alle zu entfernen gewusst. Der heilige Vater selbst interessierte sich sehr für diese Gründung, und seiner Autorität gelang es endlich, auch die letzten Hindernisse zu beseitigen. Darauf wendete sich Abbé Bordachar an die Schwestern, welche in der Grotte knieten, wie einst Maria hier vor ihrem göttlichen Sohn, und fragte jede einzeln, ob sie bereit sei, nach dem Beispiel des hier geborenen Sohnes Gottes gehorsam zu sein bis zum Tod und arm, wie er, ohne auch nur zu besitzen, wohin das Haupt zu legen. Mit Herz und Mund antworteten die Schwestern: „Ja, mein Vater,“ und Herr Bordachar erinnerte sie dann an die Sendung, die sie demgemäß zu erfüllen hätten, eine Sendung des unaufhörlichen Gebetes, des beständigen Opfers, der steten Abtötung zur Beförderung der größeren Ehre Gottes und zur Rettung unzähliger Seelen. 

Zum Schluss bat er den hochwürdigsten Patriarchen, diese demütigen Töchter der hl. Theresia, welche der Bischof von Bayonne gleichsam als Vertreterinnen seiner Diözese zum Heiligtum von Bethlehem gesendet hatte, unter seinen Schutz und seine Jurisdiktion zu nehmen. Msgr. Bracco erwiderte, dass er sich glücklich schätze, in so kurzer Zeit zwei Klöster dieses so eifrigen Ordens in seinem Patriarchat entstehen zu sehen; er hoffe und vertraue, dass auch dieser neue Karmel für das heilige Land eine reiche Quelle der Gnaden sein werde. 

Darauf begab man sich in Prozession zum nahen Klösterlein; eine der Schwestern trug ein schweres Holzkreuz voran, welches die eingeschlossenen Klosterfrauen an ihren Beruf und an die zur Erfüllung desselben empfangenen Gnaden erinnern soll. Der hochwürdigste Patriarch segnete die einzelnen Zellen und Räumlichkeiten und zuletzt auch die Kapelle. Dann brachte er das heilige Messopfer dar, und als der liebe Heiland unter den sakramentalen Gestalten auch von dem neuen Heiligtum Besitz ergriffen hatte, erklärte Msgr. Bracco das Kloster für begründet und die Klausur bestehend.

Der 24. September 1875 wird stets ein denkwürdiger und wichtiger Tag für Bethlehem und ganz Palästina sein, dessen Wirkungen, wir zweifeln nicht daran, schon in naher Zukunft sich fühlbar machen werden. Wenn in einem Land viel gebetet wird, kann der liebe Gott ihm seine Gnade nicht versagen.

(Aus: die katholischen Missionen, 1876)

Sonntag, 13. April 2014

Große Missionsbischöfe: der heiligmäßige Patriarch – Msgr. Vincenzo Bracco, lateinischer Patriarch von Jerusalem


Ein schmerzlicher Verlust traf die Kirche des heiligen Landes durch den Tod ihres heiligmäßigen, hochverehrten Patriarchen, Msgr. Vincenzo Bracco, der am heiligen Fronleichnamsfest in Jerusalem nach kurzem Krankenlager seine Reise zum himmlischen Jerusalem antrat.

 Geboren am 15. September 1835 zu Torazzo in der Diözese Albenga am Meerbusen von Genua, machte Vincenzo seine Studien in dem von den Lazaristen geleiteten Kolleg der auswärtigen Missionen zu Genua, wurde 1859 Priester und begab sich bereits im folgenden Jahre in die Mission des heiligen Landes. Msgr. Valerga, Der tatkräftige Patriarch von Jerusalem, lernte als scharfblickender Menschenkenner sehr bald die gründliche wissenschaftliche Bildung und die Tugend des stillen, bescheidenen Priesters schätzen, berief ihn zunächst als Professor der Theologie an sein Seminar zu Beitschale bei Betlehem und ernannte ihn zwei Jahre später zum Regens des Seminars und zum Kanonikus an der Kirche des heiligen Grabes.

Da der Patriarch in seiner Eigenschaft als Apostolischer Delegat des hohen Libanons oft längere Zeit von Jerusalem entfernt sein musste, erbat er sich von der Propaganda einen Weihbischof und schlug als solchen seinen erprobten Seminarregens Don Vincenzo vor, der dann auch am 13. Mai 1866 als Titularbischof von Magida in der heiligen Grabkirche die Bischofsweihe empfing. Seit Jahrhunderten hatte die heilige Stadt keine solche Feier mehr gesehen.

Tatkräftig nahm der neue Weihbischof an den vielen Unternehmungen des energischen Patriarchen seinen Anteil. So ist die endliche Vollendung der schönen, dem Namen Jesu geweihten Kathedrale (11. Februar 1872) zum guten Teil auch sein Verdienst; desgleichen der Triumph, den die Kirche Jerusalems im selben Jahr feierte, indem seit undenklichen Zeiten zum ersten Mal wieder einmal das heiligste Sakrament in feierlicher Fronleichnamsprozession durch die Straßen getragen wurde, die Christus der Herr einst so oft durchwandelte.

Am 21. März 1873 bestieg Msgr. Bracco den verwaisten Patriarchenstuhl von Jerusalem und setzte nun volle 16 Jahre hindurch das Werk seines großen Vorgängers mit ebenso viel Festigkeit als herzgewinnender Milde fort. Eine Reihe neuer Missionsstationen wurde durch ihn ins Leben gerufen und namentlich auch das Ostjordanland, mehr als bisher geschehen war, in den Kreis der Missionstätigkeit hineingezogen. Bei dem großen Interesse, das die deutschen Katholiken dem Werk im Heiligen Land und den ausschließlich ihm dienenden Zeitschriften entgegenbringen, ist es kaum nötig, die Geschichte der letzten Jahre, die mit der Wirksamkeit des letzten Patriarchen zusammenfällt, hier ausführlicher zu wiederholen.

Msgr. Bracco wurde nicht bloß von seinem Klerus und Volk und von den zahlreichen Fremden, die jährlich in den Mauern der heiligen Stadt zusammenströmen, sondern selbst von den Schismatikern und Ungläubigen wie ein Heiliger verehrt. Dies beweist auch die innige Teilnahme, die sich von allen Seiten zu erkennen gab, als die unerwartete Trauerkunde von seiner schweren Erkrankung sich verbreitete. Schon seit längerer Zeit fühlte Msgr. Bracco seine Kräfte schwinden.

Als er am 6. Juni der sakramentalen Segensandacht in der Pfingstnovene beiwohnte, bekam er heftige Seitenschmerzen und musste sich fieberkrank zu Bett legen. Die Krankheit, eine schwere Lungenentzündung, die bereits am 14. von vier Ärzten als hoffnungslos bezeichnet wurde, machte rasche Fortschritte. Am 13. Juni wurden dreitägige öffentliche Gebete in der heiligen Stadt und in den benachbarten Pfarreien angeordnet. Man setzte den Patriarchen von seinem Zustand in Kenntnis; sofort verlangte er nach der heiligen Wegzehrung und der letzten Ölung, die er mit inniger Andacht und voller Hingebung in Gottes Willen empfing, zu außerordentlicher Erbauung der Anwesenden, die in Tränen zerflossen. 
Gleichzeitig telegraphierte man nach Rom, um den Segen des Heiligen Vaters für den Sterbenden zu erbitten. 

Als in Jerusalem und den umliegenden Dörfern der Zustand des Patriarchen bekannt wurde, war die Trauer eine allgemeine, nicht bloß bei den Katholiken, sondern auch bei den Schismatikern. Alles betete inbrünstig zu Gott um Erhaltung seines Lebens. Viele Personen machten Gelübde, um von Gott die Verlängerung dieses teuren Lebens zu erflehen; einige boten Gott sogar ihr eigenes Leben zum Ersatz an. Ein griechisch-schismatischer Christ sagte: „Mein ganzes Vermögen besteht aus nur 400 Fr., mit denen ich mich und meine Familie unterhalte; aber gerne würde ich alles für das Leben des lateinischen Patriarchen drangeben.“ Doch Gott dem Herr gefiel es nicht, diese Bitte zu erhören.

Gegen Abend des 18., als die Vorzeichen der baldigen Auflösung sich einstellten, berief der Patriarch seinen Generalvikar Msgr. Pasquale Appodia, und sagte ihm, dass er aus ganzem Herzen seinen Klerus und seine Herde segne. Darauf wünschte er, die Missionäre und Priester, die sich im Patriarchalgebäude befanden, noch einmal zu sehen. „Monsignore“, rief der Generalvikar tief ergriffen, als alle um das Sterbelager knieten, „hier sind ihre Priester; es sind nicht alle hier, aber bitte, segnen Sie alle, auch die abwesenden, segnen Sie die ganze Diözese.“ Er erwiderte, indem er mit der Hand ein Zeichen gab: „Kommen Sie näher zu meinem Bette. – Vor allem…will ich Ihnen…etwas sagen. Ich muss Sie…um Verzeihung bitten für meine Fehler…in Worten und Werken.“ Unter Tränen versetzte der Generalvikar: „Nein, Monsignore, wir müssen um Verzeihung bitten. Sie waren uns immer ein Vater.“ – „Nein,“ fuhr der Patriarch fort, „lassen Sie mich…sprechen…ich habe bemerkt, dass ich mehr Fehler habe, als die anderen…ich bitte Sie um Verzeihung.“ Dann erhob er seine Hand und segnete uns, und wir weinten und schluchzten und küssten seine Hände. Darauf kamen die Seminaristen. „Monsignore,“ sprach der Regens, „hier sind die Seminaristen und bitten um Ihren letzten Segen.“ Er war tieferschüttert und sagte: „Gute…Kinder“, und segnete sie zu wiederholten Malen, und sie kamen einzeln heran und küssten schluchzend seine Hand. Auch eine Deputation katholischer Männer aus Jerusalem erschien, um noch einmal die Hand zu küssen, die so viel Segen gespendet; schließlich die Dienerschaft, ganz aufgelöst in Schmerz und Trauer.

Die entscheidende Stunde kam näher. Gegen 3.45 Uhr rief der Sterbende mit großer Aufregung: „Betet, ich werde versucht.“ Alle Anwesenden fielen auf die Knie. Gleich wurde der Kranke wieder ruhig und gab, während die ihn umgebenden Priester das Profiscere beteten, sanft und friedlich seinen Geist auf. Es war am hochheiligen Fronleichnamsfest, zu dessen würdiger Feier in der heiligen Stadt er so vieles beigetragen.

Die Kunde von seinem Hinscheiden rief in der heiligen Stadt und Umgebung eine tiefe Bewegung und Teilnahme in allen Schichten der Bevölkerung hervor. Der Zudrang zu der im Patriarchalpalast ausgestellten Leiche und zu dem feierlichen Pontifikalrequiem war ein außerordentlicher. 

Es zeigte sich hier so recht, welch unwiderstehliche Macht das Beispiel seines heiligen Priesterlebens, seine alle gleichmäßig umfassende Hirtentreue und seine väterliche Güte auf die Herzen selbst der ungläubigen Moslems ausgeübt. Katholiken und Schismatiker aller Riten, Protestanten, Mohammedaner und Juden, alles strömte den ganzen Tag bis zum Abend herbei, küsste die Hand des Dahingeschiedenen, nannte ihn einen Heiligen. Rosenkränze wurden an seinem Haupt angerührt. 
Ein griechisch-schismatischer Mönch legte sogar Weihrauch zu den Füßen der Leiche nieder. Es war ein gemeinsamer Trauertag für ganz Jerusalem. Währen der Nacht wurde die sterbliche Hülle Msgr. Vincenzo Braccos in der Kapelle des hl. Joseph, dem Grab Msgr. Valergas gegenüber, beigesetzt. R.I.P.


(Aus: die katholischen Missionen, 1890)

Sonntag, 3. November 2013

Der eucharistische Kongress in Jerusalem – ein Jahrtausendereignis (Teil 2)

Mar Ephrem Rahmani, später syrisch-katholischer Patriarch von Antiochien, nahm am Eucharistischen Kongress teil. Er war ein international angesehener Liturgiker.


Fortsetzung von hier

Am folgenden Morgen fand die erste Sitzung des Eucharistischen Kongresses statt. Die bei dieser Gelegenheit gehaltenen Vorträge – die Sprache war das den meisten orientalischen Bischöfen geläufige Französisch – waren ein großer Lobeshymnus auf das heiligste Sakrament.

Msgr. Gregor II., der griechisch-unierte Patriarch von Jerusalem, fasst die zeugniskräftigen Ausdrücke der Anbetung und der Liturgie der griechischen Kirche in einer gehaltvollen Studie zusammen. Besonders interessant waren seine Ausführungen über die Liturgie der „Präsanctificata“, die bei uns bloß in der Karfreitagsmesse noch üblich, während der Priester der griechischen Kirche an den meisten Tagen der Fastenzeit nur die heilige Hostie kommuniziert, die am vorausgegangenen Sonntag konsekriert und dann aufbewahrt wurde.

Der lateinische Patriarch Msgr. Piavi sprach über die Liturgie des heiligen Apostels Jakobus, die Grundlage der meisten orientalischen Sekten. Msgr. Giragiri, griechisch-melchitischer Bischof von Paneas in Syrien, untersuchte im Anschluss an das Thema des griechischen Patriarchen die drei Varianten der griechischen Liturgie: die des hl. Basilius von Cäsarea, des. hl. Chrysostomus und die der „Präsanctificata“. 

Msgr. Kandalafta, syrischer Bischof von Tripolis, hielt einen Vortrag über die syrische Liturgie, Dr. Athansius Aben-Saïd, der Vertreter des Apostol. Provikars der unierten Kopten, über die Liturgie des koptischen Ritus, die im Wesentlichen diejenige der altberühmten Kirche von Alexandrien ist und auf den hl. Markus und die hll. Basilius und Gregor von Nazianz zurückführt. 
Ihren eigenartigen Charakter erhält sie dadurch, dass sie einen fast ununterbrochenen Dialog zwischen dem Zelebranten, Diakon, dem Dolmetscher und dem Volk bildet, welches am heiligen Opferritus bis in die Details hinein teilnimmt. 

Abbé Martin, Pfarrer von Ausage (Drôme) sprach über den slawischen Ritus, wie er heute noch bei den unierten Bulgaren (ca. 60.000) im Gebrauch ist. Msgr. Rahmani, Erzbischof von Bagdad, folgte mit einer meisterhaften Darlegung des syrischen Ritus. Er wies unter anderem darauf hin, dass die Sprache seiner Kirche dieselbe sei, deren sich der Heiland bediente, als er Simon zum Felsen (Kephas) seiner Kirche machte, bei seinen Wundern, z.B. wo er das Töchterlein des Jairus zum Leben erweckte mit den Worten: Talitha cumi! (d.h.. Mädchen, stehe auf!) und endlich als ersein Opfer vollendend ausrief: Eli, Eli, lamma sabakhtani? (Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?). 

P. Michel von der Genossenschaft der Weißen Väter, die das griechisch-melchitische Seminar von St. Anna in Jerusalem leiten, führte in vortrefflicher Ausführung den geschichtlichen Nachweis, mit welcher Sorge und Liebe die Päpste von jeher die Riten der orientalischen Kirchen zu erhalten gesucht. 

Msgr. Debs, der maronitische Erzbischof von Beirut, brachte einen Aufsatz über das Dogma der Gegenwart Christi im heiligsten Sakrament in der syrisch-unierten und -nicht-unierten Kirche. Msgr. Nikolaus Cadi, griechisch-melchitischer Erzbischof von Bosra und dem Hauran, legte die in der griechischen Liturgie enthaltenen, die Verehrung des heiligsten Sakraments betreffende Zeugnisse vor. Msgr. Tazian, Bischof von Adana (armenischer Patriarch von 1910-1931), endlich verbreitete sich über die Liturgie des armenischen Ritus usw.

Diese und andere zum Teil meisterhaften Vorträge bildeten nicht bloß eine großartige Verherrlichung dieses hehren Geheimnisses, sondern brachten im Verein mit den herzlichen, durch keinen Misston gestörten Verkehr der Bischöfe aus Westen und Osten die Einheit im Glauben und das Gefühl der Zusammengehörigkeit der morgen- und abendländischen Kirche zum schönsten Ausdruck. 

Dazu kam eine in Jerusalem seit den Tagen der Kreuzzüge nie mehr gesehenen Entfaltung des kirchlichen Kultlebens, das, durch das Zusammenwirken der verschiedenen Riten, ein jeder mit der ihm eigentümlichen Schönheit sich doppelt glanzvoll gestaltete, und endlich die heilige Weihe der Andacht, welche durch die Tag und Nacht in allen Konventen, Kirchen und geweihten Stätten fortgesetzte ewige Anbetung in allen Pilgern genährt und gehoben wurde.

Ergreifend schön war, wie der oben genannte amerikanische Bischof erzählt, namentlich die Feier des hohen Pfingstfestes. Der Platz, wo einst der durch die Einsetzung des heiligsten Sakramentes und die Herabkunft des Heiligen Geistes den Christen so heiligen Abendmahlssaal gestanden, ist heute leider in den Händen des Islam, und die an der Stelle erbaute Moschee den Christen nur gegen ein Trinkgeld zugänglich. 

Da kamen die Patres Assumptionisten, die Leiter des Pilgerzugs, auf die glückliche Idee, dicht daneben einen geräumigen Platz zu mieten. Hier wurde am Fest unter einem Riesenzelt die heiligen Geheimnisse gefeiert und wohl an die hundert heilige Messen gelesen. Der Platz ist wahrscheinlich derselbe, wo einst Petrus am ersten christlichen Pfingstfest zu den Tausenden von versammelten Juden gesprochen.

Der Bischof schließt seinen Bericht: „Wie keiner, der dem Eucharistischen Kongress beigewohnt, jemals vergessen wird, was er in diesen Tagen in Jerusalem gesehen, so wird auch Jesus Christus nicht die Gebete und Bußübungen vergessen, die ihm für die Wiedervereinigung der orientalischen Christen mit ihren Brüdern im Westen unter dem einen wahren Hirtenstabe dargebracht wurden.“

In der Tat hat das Ereignis im Orient einen tiefen Eindruck hinterlassen. Möge Gottes allmächtige Gnade das angefangene Werk fördern!

(aus: die katholischen Missionen, 1895)

Der eucharistische Kongress in Jerusalem – ein Jahrtausendereignis (Teil 1)

Dieses Bild von James Tissot wird im Internet als "Latin Patriarch in Jerusalem" bezeichnet, mit Angabe des Jahres "ca. 1875", es scheint sich aber eher um eine recht detailgetreue Wiedergabe des Einzugs von Kardinal Langénieux auf dem eucharistischen Kongress in Jerusalem im Jahr 1893 zu handeln

Unsere Leser werden gewiss in den Tagesblättern und Zeitschriften dieser großartigen Kundgebung des katholischen Glaubens mit Spannung gefolgt sein. Immerhin dürften einige Ergänzungen aus weniger zugänglichen Berichten willkommen sein.

Ein nordamerikanischer Bischof, Msgr. de Goesbriand von Burlington (Vermont), der an dem Kongress teilgenommen, nennt die Idee, den diesjährigen Sitz dieser in ihrem Zweck und Wesen so schönen Versammlungen in die heilige Stadt zu verlegen, einen von Gott eingegebenen Gedanken. 

In der Tat „kann es für eine solche Versammlung“, so schrieb der Heilige Vater in seinem Zustimmungsbreve an den Bischof von Lüttich, den ständigen Vorsitzer des Kongresses, „keinen geeigneteren Ort geben, als die heilige Stadt, in welcher Christus der Herr jenes wunderbare Pfand der Liebe eingesetzt hat, und man kann mit Recht erwarten, dass die Gläubigen des Orients mit neuem heiligen Eifer für die Verehrung des allerheiligsten Sakraments erfüllt werden.“

Die Hoffnung auf die Wiedervereinigung der schismatischen Orientalen mit der katholischen Kirche ist hier nicht direkt ausgesprochen, obschon dieser Gedanke zweifellos im Hintergrund stand und auch die Gebete und Reden des Eucharistischen Kongresses davon getragen waren. 
Außerdem galt es, eine „neue Belebung der Beziehung und des Gefühls der Zusammengehörigkeit mit den unierten Kirchen der verschiedenen Riten herbeizuführen, und das ist in einer hocherfreulichen Weise gelungen“. 

Lassen wir uns von dem Berichterstatter des „Heiligen Landes“ zunächst den Einzug des päpstlichen Delegaten, Sr. Eminenz des Kardinal-Erzbischofs von Reims, Msgr. Langénieux, erzählen, der am 14. Mai stattfand. Am Bahnhof ließen alle in Jerusalem vertretenen europäischen Mächte den Kardinal durch ihre Kawasse begrüßen und machten ihm am folgenden Tag persönlich ihre Aufwartung.

„Nach den Empfangsfeierlichkeiten stieg der Kardinal zu Pferde und ritt, voran ein Musikcorps, welches aus Beirut herübergekommen war, von einer unabsehbaren Menschenmenge begleitet, zum Jaffator. 
Im Inneren der Stadt, nahe dem Tore, hatte unter dem Baldachin der Patriarch von Jerusalem, Ludwig Piavi, mit dem Weihbischof Pascal Apodia, seinem gesamten Klerus und den Seminaristen des Priesterseminars Aufstellung genommen. Er war umgeben von den Patriarchen und deren Generalvikaren der verschiedenen unierten Riten der Griechen, Armenier, Maroniten, Chaldäer, Syrer, Bulgaren. 
Aus Ägypten, vom Libanon her, aus Mesopotamien, Armenien, aus dem nördlichen Syrien und Bulgarien waren sie in den verschiedensten Trachten gekommen. Weiter standen hier Bischöfe aus Kanada, Mexiko, England, Belgien, Italien, der Schweiz, sowie die Direktoren der Pilgerhäuser in Jerusalem, namentlich des österreichischen und deutschen Pilgerhauses, mit den Priestern aus Deutschland, welche zum Kongress gekommen waren, alle mit Rochette bekleidet. 

Es war ein Schauspiel, wie es wohl selten in dieser Farbenpracht, Eigenart und Lebhaftigkeit zu sehen ist. Da stand das aus mächtigen Quadersteinen erbaute Jaffator mit seinem mittelalterlichen Zinnen, links daneben die Davidsburg, weiter links zurück der Sionsberg; die Straßen waren dicht gedrängt von Menschen aus allen Nationen und Ländern mit den buntesten und verschiedensten Trachten, wie nur der Orient sie kennt. Pechschwarze Negergesichter, dunkle Arabergestalten, gelbe Judentypen, weiße Europäer, bis tief hinein in die engen Gassen standen sie Kopf an Kopf. 
Dort oben saßen Araber mit ihren in der Luft baumelnden Beinen auf den Zinnen des Jaffatores und auf der Plattform der Davidsburg. 

Die Dächer und Balkone aller Häuser waren von Zuschauern bis zur Gefahr des Einsturzes belastet. Musik erschallte, Fahnen wehten, Evivas ertönten: Der Kardinal, feierlich einherschreitend, naht sichtlich bewegt dem Patriarchen von Jerusalem. Derselbe hält seine Begrüßungsrede; der Kardinal antwortet in einer begeisterten Ansprache mit dem Hinweis auf die Aufgaben des Friedens, welche der Kongress zu lösen habe, und auf die geistige Schönheit der Stadt Jerusalem, deren heilige Stätten er betrete. Nun stimmt der Chor das Ecce sacerdos magnus an. Wie lange mag das auf den Straßen Jerusalems nicht mehr gesungen worden sein! Dann setzt sich der Zug in Bewegung, der Patriarch geht neben dem Kardinal-Legaten unter dem Baldachin. 

Der Legat segnet feierlich die dichten Scharen, welche sich namentlich in den Querstraßen weit hinauf aufgestellt haben. Das türkische Militär bildet ein weitgezogenes Spalier; die Offiziere sind emsig beschäftigt, Ordnung zu halten. Und es gelingt musterhaft. So bewegt sich der Zug unter fortwährendem Chorgesang die engen Gassen hinab bis zur Kirche des Heiligen Grabes. Der türkische Tempelwächter steht selbstbewusst und doch voll Erstaunen auf dem Tempelplatz. 

Der Kardinal begibt sich zu kurzer Verehrung in das heilige Grab und besteigt dann den vor dem Katholikon der Griechen, deren Popen neugierig von oben herunterschauen, aufgeschlagenen Thron. Umgeben von den Patriarchen und Bischöfen, erteilt er den päpstlichen Segen, worauf er nach Ablegung der Pontifikalgewänder unter den Klängen der Musikkapelle vom Klerus zu seiner Wohnung ins Patriarchat geleitet wird. 

Es hatte sich mit seinem Einzug ein Akt vollzogen, dem man seine historische Bedeutung nicht absprechen kann. Seit sechs Jahrhunderten hat kein Kardinal mehr die heilige Stadt betreten. Papst Pius IX. konnte erst wieder das lateinische Patriarchat in Jerusalem errichten. Jetzt zog ein Kardinal-Legat seines Nachfolgers mit allen Ehren, von tausenden Katholiken begleitet, in die heilige Stadt. – Sion, freue dich!“


(aus: die katholischen Missionen, 1895)

Fortsetzung hier

Montag, 22. April 2013

Die Barmherzigen Schwestern bei den Aussätzigen im Heiligen Land

Barmherzige Schwestern im ursprünglichen Habit (Armand Gautier)

Der hochwürdige Herr Poyet, Apostol. Protonator und Kanonikus des heiligen Grabes, schreibt uns aus Jerusalem die folgenden Zeilen, in welchen er das Los der Aussätzigen in der heiligen Stadt der Mildtätigkeit unserer Leser dringend empfiehlt:

„Noch immer findet sich der Aussatz in der Levante. In Palästina sind seine Opfer zahlreich. Zu Damaskus hat man sie aus der Stadt in ein abgetrenntes Quartier verbannt.
Die Pilger, welche in Jaffa landen und von dort nach Jerusalem ziehen, treffen an den Toren der Stadt Frauen und Kinder, welche das Mitleid der Fremden dadurch zu erwecken suchen, dass sie ihre von der Krankheit zerfleischten Arme zeigen. In Jerusalem sind sie zahlreich und bilden bei Siloë eine Art Gemeinde; wenn jemand in der Umgegend von der Krankheit befallen wird, geht er nach Siloë und bittet um Aufnahme.(…)

Die christliche Liebe schuf einst in Europa allenthalben Zufluchtsstätten für diese Kranken, weil sie in denselben ein Bild des bitteren Leidens (Christi?) erblickte. Zu Jerusalem hat man bis auf die letzte Zeit nichts für sie getan.
Ein Pascha verbannte sie vor etwa 15 Jahren aus der Stadt in das Tal Cedron, jenseits der Quelle Siloë. Die Kräftigeren unter ihnen, welche noch gehen können, begeben sich jeden Morgen an den Weg nach Bethlehem und halten den Vorübergehenden eine Schüssel aus Weißblech hin, in die man ihnen ein Stück Brot, einige Früchte usw. wirft, was sie mit ihren Unglücksgenossen in Siloë teilen.
Ein Missionär des lateinischen Patriarchats hegte schon seit 30 Jahren den Plan, eine Anstalt für diese Unglücklichen zu gründen; es fehlte ihm aber sowohl an Geld als an einer Ordenskongregation, welche sich mit der Pflege dieser schrecklich verstümmelten Kranken hätte befassen können.
Als 1875 Msgr. Gauthier, der Apostol. Vikar von Süd-Tonking, das Mittel Hoang-nan bekannt machte, welches gegen die Wut und gegen den Aussatz, zwei Krankheiten, die bisher der europäischen Arzneikunde gespottet hatten, mit Erfolg angewendet wird, entschloss man sich, dasselbe in Jerusalem anzuwenden. Man wandte sich an die Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul und bewog dieselben, einige Mitglieder zur Ausübung ihrer Ordenstätigkeit und namentlich zur Pflege der Aussätzigen nach Jerusalem zu senden. Seine Heiligkeit Leo XIII. segnete das Unternehmen.
Am Feste Kreuzauffindung (3. Mai) 1886 trafen sie in Jerusalem ein und eröffneten ein Haus für Krankenpflege; sieben Schwestern können gegenwärtig der Arbeit kaum genügen. Täglich bedienen sie durchschnittlich 350 Kranke von verschiedenen Sprachen und Religionen; oft hat man sogar 650 gezählt. Unentgeltlich verteilt man an alle Kranken die nötigen Arzneien.
Abends besuchen die Schwestern in ihren Wohnung diejenigen Kranken, welche am Morgen nicht zur Apotheke kommen konnten, und jede Woche begeben sich zwei Schwestern in die umliegenden Dörfer und pflegen alle Kranken, welche man ihnen bringt. Vierzehn Dörfer haben das Glück, von ihnen besucht zu werden, und jedes Mal ist die Freude groß, wenn sie eintreffen.

Dreimal wöchentlich steigen die Barmherzigen Schwestern auch nach Siloë hinab, um die Wunden der Aussätzigen zu verbinden. Unmöglich lässt sich das Staunen der Unglücklichen beschreiben, das sich bald in Dankbarkeit verwandelte, als sie diese Frauen aus Europa den Eiter aus ihren Wunden waschen und dieselben mit größter Zartheit mit blendend weißer Leinwand verbinden sahen. Man weiß, wie sehr die Mohammedaner das Weib verachten; umso mehr erschienen die Barmherzigen diesen Unglücklichen als wahre Engel, welche vom Himmel herniedergestiegen.
Ein- oder zweimal im Jahr bringen die Schwestern den Aussätzigen Brot, Fleisch, Früchte und arabische Süßigkeiten, um die Ärmsten, in denen sie Jesum Christum verehren, mit einer Mahlzeit zu erquicken. Mehrere edle Pilger wollte dieser Mahlzeit beiwohnen und die Aussätzigen bedienen.

Leider ist Siloë für die Schwestern, die wöchentlich dreimal hinabsteigen, viel zu weit entfernt, namentlich im Winter, wo es während drei Monaten oft in Strömen regnet und ein heftiger Wind weht.
Auch hätte man von den Kranken, bei denen das Übel schon Fortschritte gemacht hat, täglich, ja öfter im Tage, die Hilfeleistungen der Schwestern nötig. Man könnte so manche Seele retten, die sonst verloren geht.
Die Krankenpflegerinnen dieser armen Leute beten also inständig zu Gott, er möge wohlhabenden Christen den Gedanken eingeben, ihnen ein Haus zu bauen, in welches sie die am meisten der Pflege bedürftigen aufnehmen könnten. Sollten sich nicht Wohltäter finden, welche ihnen zur Verwirklichung dieses Planes behilflich wären?


(Aus: die katholischen Missionen, 1888)

Mittwoch, 13. Februar 2013

Ecce ascendimus Ierosolymam



Eccehomo-Kloster in Jerusalem, gegründet vom berühmten jüdischen Konvertiten und Priester Alfons Ratisbonne 

Alfons Ratisbonne
Der Eccehomo-Bogen, unter dem Pilates Unsern Herrn Jesus Christus nach der Geißelung der Menge mit den Worten "Ecce Homo" zeigte (im Internet wird zum Teil angegeben, dass der Bogen erst im Jahr 70 nach Christi Geburt gebaut wurde)



Der in der Kirche gelegene Teil des Bogens, unter der Nische steht die Selbstverwünschung der Juden "SANGUIS EIUS SUPER NOS ET SUPER FILIOS NOSTROS" , "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder" (Mt. 27, 24-25)

Dienstag, 1. Mai 2012

Aufopfernde Pflege der Aussätzigen im Heiligen Land

Der hochwürdige Herr Poyet, Apostolischer Protonotar und Canonicus des heiligen Grabes, schreibt uns aus Jerusalem die folgenden Zeilen, in welchen er das Los der Aussätzigen in der heiligen Stadt der Mildtätigkeit unserer Leser dringend empfiehlt:

Noch immer findet sich der Aussatz in der Levante. In Palästina sind seine Opfer zahlreich. In Damaskus hat man sie aus der Stadt in ein abgetrenntes Quartier verbannt. Die Pilger, welche in Jaffa landen und von dort nach Jerusalem ziehen, treffen an den Toren der Stadt Frauen und Kinder, welche das Mitleid der Fremden dadurch zu erwecken suchen, dass sie ihre von der Krankheit zerfleischten Arme zeigen. 

In Jerusalem sind sie zahlreich und bilden bei Siloe eine Art Gemeinde; wenn jemand in der Umgegend von der Krankheit befallen wird, geht er nach Siloe und bittet um Aufnahme. (Der hochwürdige Herr entwirft hier eine Schilderung der unseren Lesern aus den Berichten über Molokai bekannten entsetzlichen Krankheit.)
Die christliche Liebe schuf einst in Europa allenthalben Zufluchtsstätten für diese Kranken, weil sie in denselben ein Bild des bitteren Leidens (Jesu) erblickte. 
Zu Jerusalem hat man bis auf die letzte Zeit nichts für sie getan. Ein Pascha verbannte sie vor etwa 15 Jahren aus der Stadt in das Tal Cedron, jenseits der Quelle Siloe. Die Kräftigeren unter ihnen, welche noch gehen können, begeben sich jeden Morgen an den Weg nach Bethlehem und halten den Vorübergehenden eine Schüssel aus Weißblech hin, in die man ihnen ein Stück Brot, einige Früchte usw. wirft, was sie mit ihren Unglücksgenossen von Siloe teilen.
Ein Missionär des lateinischen Patriarchats hegte schon seit 30 Jahren den Plan, eine Anstalt für diese Unglücklichen zu gründen, es fehlte ihm aber sowohl an Geld als an einer Ordenskongregation, welche sich mit der Pflege dieser schrecklich verstümmelten Kranken hätte befassen können. 
Als 1875 Msgr. Gauthier, der Apostolische Vikar von Süd-Tonking, das Mittel Hoang-nan bekannt machte, welches gegen die Tollwut und gegen den Aussatz, zwei Krankheiten, die bisher der europäischen Arzneikunde gespottet hatten, mit Erfolg angewendet wird, entschloss man sich, dasselbe auch in Jerusalem anzuwenden.

Man wandte sich an die Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul und bewog dieselben, einige Mitglieder zur Ausübung ihrer Ordenstätigkeit und namentlich zur Pflege der Aussätzigen nach Jerusalem zu senden. Seine Heiligkeit Leo XIII. segnete das Unternehmen. 
Am Fest Kreuzauffindung (3. Mai) 1886 trafen sie in Jerusalem ein und eröffneten ein Haus für Krankenpflege; sieben Schwestern können gegenwärtig der Arbeit kaum genügen. Täglich bedienen sie durchschnittlich 350 Kranke von verschiedenen Sprachen und Religionen; oft hat man sogar 650 gezählt. 
Unentgeltlich verteilt man an alle Kranken die nötigen Arzneien. Abends besuchen die Schwestern in diejenigen Kranken in ihren Wohnungen, welche am Morgen nicht zur Apotheke kommen konnten, und jede Woche begeben sich zwei Schwestern in die umliegenden Dörfer und pflegen alle Kranken, welche man ihnen bringt. Vierzehn Dörfer haben das Glück, von ihnen besucht zu werden, und jedes Mal ist die Freude groß, wenn sie eintreffen.

Dreimal wöchentlich steigen die Barmherzigen Schwestern auch nach Siloe hinab, um die Wunden der Aussätzigen zu verbinden. Unmöglich lässt sich das Staunen der Unglücklichen beschreiben, das sich bald in Dankbarkeit verwandelte, als sie diese Frauen aus Europa den Eiter aus ihren Wunden waschen und dieselben mit größter Zartheit mit blendend weißer Leinwand verbinden sahen. 
Man weiß, wie sehr die Mohammedaner Frauen verachten; um so mehr erscheinen die Barmherzigen Schwestern diesen Unglücklichen als wahre Engel, welche vom Himmel herniederstiegen. Ein- oder zweimal im Jahre bringen die Schwestern den Aussätzigen Brot, Fleisch, Früchte und arabische Süßigkeiten, um die Ärmsten, in denen sie Jesum Christum verehren, mit einer Mahlzeit zu erquicken.

Mehrere edle Pilger wollten dieser Mahlzeit beiwohnen und die Aussätzigen bedienen. Leider ist Siloe für die Schwestern, die wöchentliche dreimal hinabsteigen, viel zu weit entfernt, namentlich im Winter, wo es während drei Monaten oft in Strömen regnet und ein heftiger Wind weht. Auch hätten manche Kranken, bei denen das Übel schon größere Fortschritte gemacht hat, täglich, ja öfter am Tage, die Hilfeleistungen der Schwestern nötig. 
Man könnte so manche Seele retten, die sonst verloren geht. Die Krankenpflegerinnen dieser armen Leute beten also inständig zu Gott, er möge wohlhabende Christen den Gedanken eingeben, ihnen ein Haus zu bauen, in welches sie die am meisten der Pflege bedürftigen aufnehmen könnten. Sollten sich nicht Wohltäter finden, welche ihnen zur Verwirklichung dieses Planes behilflich wären?

(Aus: die katholischen Missionen, 1888)

Montag, 9. April 2012

Fische aus dem See Genezareth


Sel. Papst Pius IX.


Die Zeitschrift „Jerusalem“ bringt in einer ihrer letzten Nummern eine hübsche Anekdote aus dem Pontifikat Pius‘ IX.
Erzbischof Spaccapietra von Smyrna hatte als Apostol. Präfekt die Gegend am See Genezareth zu verwalten. Gern hätte er ein altehrwürdiges, verfallenes Heiligtum wiederhergestellt, das an der Stelle erbaut war, wo Christus Petrus zum Oberhaupt der Kirche erhoben hatte. Aber die Mittel dazu fehlten.
Da ließ er sich einige kleine Fische aus dem See Genezareth fangen, setzte sie in Spiritus und nahm sie mit nach Rom.
In der Audienz erzählte er dem Heiligen Vater von seinem Herzenswunsch, suchte ihm auch klar zu machen, welche Bedeutung dieses Erinnerungsmal der Einsetzung des Papsttums für den Papst habe, und klagte ihm dann seine Geldnot.
„Ja“, meinte Pius IX. scherzend
, „liegt nicht ganz in der Nähe diese Stelle, wo der Herr einst durch ein Wunder den Fisch mit dem Goldstück im Munde fangen ließ, damit Petrus die Steuer entrichte? Machen Sie es ihm doch nach, und die Kapelle ist bald bezahlt.“
„Heiliger Vater“, erwiderte der Erzbischof, „das habe ich versucht; ich habe Fische im See gefangen, aber kein Gold darin finden können.
Aber Ew. Heiligkeit ist der Nachfolger Petri und der Stellvertreter Christi. Ihnen muss da Wunder gelingen.“ Damit überreichte er ihm das Glas mit den Fischen, das er bisher unter dem Mantel verborgen gehalten hatte.
Pius musste herzlich über diese Schlagfertigkeit lachen, öffnete eine Lade und gab ihm so viele Dukaten, als Fische in dem Glas waren. — Das „Wunder“ war gewirkt.

(Aus: die katholischen Missionen, 1914)

Samstag, 7. April 2012

Die Arbeiterkongregation "Unsere Liebe Frau von den sieben Schmerzen" in Beirut (Teil 2)

Der von dem eifrigen Missionar ins Leben gerufenen Verein erhielt den Titel „Kongregation U.L. Frau von den sieben Schmerzen“. Schon nach zwei Jahren zählte er mehr denn tausend Teilnehmer und wuchs fortan von Jahr zu Jahr.
Ein guter Teil dieser armen Bevölkerung bleibt nur einige Monate in Beirut, um dann anderswo ihr Brot zu suchen oder in die heimatlichen Gebirgsdörfer zurückzukehren. Aber neue Ankömmlinge treten an deren Stelle, sodass jedes Mal bei den Exerzitien ungefähr dieselbe Anzahl neuer Zuhörer und ein gleich fruchtbarer Erfolg zu verzeichnen sind.
Es ist gleichsam eine fortwährende Volksmission an festem Posten. „Gott allein“, bezeugt der unermüdliche Präses der Kongregation, „ist die Unzahl der Bekehrungen bekannt, welche die Gnade in den 25 Jahren, seit denen diese geistlichen Übungen regelmäßig statthaben, vollbrachte.“
Als P. Fiorovich zum ersten Mal vor seiner Zuhörerschaft auftrat, wusste er von der so ungemein wörterreichen und schweren arabischen Sprache nur etwa 200 Wörter. Darum stellte er während seines Vortrags einen guten befreundeten Katholiken, Herrn Nicolaus Comaty, hinter sich, der im Falle der Not den richtigen Ausdruck oder das erforderliche Satzglied einflüstern musste.
Der Hauptmissstand bei diesem System war der, dass der Souffleur zuweilen fehlte. An einem solchen Tag geschah es nun einmal, dass der Pater die Enthauptung des hl. Johannes des Täufers erzählen wollte. Das arabische Wort für Enthauptung wusste er nicht. Was war zu tun? Ohne sich daran zu stören, half er durch einen Gestus nach, der, was er sagen wollte, veranschaulichte. Jedermann verstand ihn, und er bemerkte nicht einmal ein Lächeln bei den Anwesenden.
Natürlich ist der Volksdialekt die einzige Sprache, die in dieser Arbeiterkongregation verstanden wird; auch ihr Direktor spricht keine andere. Die Kraft seiner Beredsamkeit besteht darin, dass er von Herzen zu Herzen spricht. Eines Tages wurde ein anderer junger Pater, der sehr gewandt arabisch sprach, zu einem Vortrag in diesem Verein eingeladen. Sein Stil war rein und fließend.
Nach der Versammlung wollte sich einer von dem Eindruck auf das Volk vergewissern und wandte sich daher an einen Handwerker: „Nicht wahr, heute habt ihr einen schöne Predigt gehört?“ — „Das schon,“ war die Antwort, „aber es war nahhu (Schriftsprache), ich habe es nicht gut verstanden.“ —„Verstehst du den P. Fiorovich?“ — „Ganz gut.“ — „Predigt der gut?“ — „Ja, ja, er predigt besser, als die anderen, er liebt uns Arbeiter eben.“ In der Tat hängt derselbe mit ganzem Herzen an „seinen Kinder“, wie er die Arbeiter nennt.
Aber sie hängen auch an ihm und nehmen von ihm alles, auch eine ernste Warnung, einen öffentlichen Tadel, ein hartes Wort gut auf.
Die Beiruter Arbeiterkongregation hat auch dazu beigetragen, im Orient die Wallfahrten zu den heiligen Orten einzuführen. Unglaublicherweise gingen aus Syrien, das den Toren Jerusalems doch so nahe ist, nur sehr selten Pilger dorthin. P. Fiorovich musste erst den Anstoß geben, indem er alljährlich mit 50-60 Männern die Hauptheiligtümer Palästinas besuchte.
In der heiligen Stadt begaben sich die Beiruter ins Franziskanerkloster zu Casa Nova zu zweitägigen Exerzitien. Dann pilgerte man zu allen heiligen Stätten Jerusalems und der Umgegend, machte öffentlich den Kreuzweg, kam nach Bethlehem und Hebron. Die meisten empfingen während der 18tägigen Wallfahrt täglich die heilige Kommunion.
Auf dem Weg gingen sie in Ordnung zu zwei und zwei und sangen laut auf Arabisch die Litanei vom göttlichen Herzen und die der allerseligsten Jungfrau. „Das ist die Kongregation, das ist P. Fiorovich!“ hieß es, wo die Männer, hinter dem reitenden Pater einhergehend, vorbeikamen, und alles eilte herzu, den frommen Zug zu sehen.

Fortsetzung folgt

(Aus: die katholischen Missionen, 1891)