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Sonntag, 26. März 2023

„Es werden mich selig preisen alle Geschlechter“: Unsere Liebe Frau von Madhu (Sri Lanka)

 

(Quelle: Virgendelosremedios)

Im Nordwesten Sri Lankas, etwa 150 km südlich von Jaffna, liegt der Marienwallfahrtsort Madhu. Die Region ist seit dem Beginn der portugiesischen Herrschaft über Sri Lanka im 16. Jahrhundert stark katholisch geprägt. In dieser Gegend war der heilige Franz Xaver selbst als Missionar tätig gewesen. In Mantai, einem alten Umschlagsplatz an der Küste, baute man im 17. Jahrhundert eine Kirche, in der ein Bild der allerseligsten Jungfrau verehrt wurde.

Die Verfolgung der katholischen Religion durch die calvinischen Niederländer, die ab 1658 über die Insel herrschten, veranlasste eine Gruppe von Gläubigen aus 20 Familien dazu, im Jahr 1670 mit dem Gnadenbild ca. 40 km ins Landesinnere in den unwegsamen Urwald zu flüchten, um dort eine neue Kirche zu errichten. An diesem Ort soll auch der heilige Joseph Vaz, der „Apostel Ceylons“, gewirkt haben. Die Gründung ging durch das Auftreten von Seuchen nach einiger Zeit zu Grunde. Als jedoch unter der britischen Herrschaft die religiöse Duldung wieder Einzug hielt, begab sich im Jahr 1872 der Apostolische Vikar Jaffnas, Msgr. Bonjean aus der Gemeinschaft der Oblaten der unbefleckten Jungfrau Maria, daran, eine neue Wallfahrtskirche zu bauen, die Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz gewidmet ist. Aufgrund der Abgelegenheit wurde die Kirche erst unter Bonjeans zweitem Nachfolger Henri Joulain fertiggestellt.[1] Der 60 Meter lange neobarocke Bau konnte mit den Spenden einheimischer Katholiken errichtet werden. Die dort verehrte Marienstatue ist eine Madonna im europäischen Stil mit dem Jesuskind auf dem Arm, das als Zeichen seiner Königswürde nach singhalesischer Tradition einen Sonnenschirm hält. Die Statue samt Kind ist vollständig in einen weiten Mantel gehüllt, der meist weiß oder blau ist; die Kleider der Statue werden gelegentlich gewechselt. Sie hat ihren Platz  im einfachen neugotischen Holzaltar.

Ähnlich wie die beiden wichtigsten chinesischen Marienwallfahrtsorte ist auch Madhu bedeutend gewachsen. Waren es am zum Ende des 19. Jahrhunderts 12.000 Pilger, die am Hauptwallfahrtstag, dem Fest Mariä Heimsuchung am 2. Juli, zu Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz pilgerten, wurden es 1924 ca. 150.000. Anlass für die große Zahl der Pilger in jenem Jahr war die Krönung der Madonna durch Erzbischof Coudert von Colombo im Beisein der übrigen Bischöfe Sri Lankas.[2] Ein anschauliches Bild der Wallfahrt zu dieser Zeit zeichnet der Oblatenpater Duchaussois, der berichtet, „dass in diesem Dschungel-Wallfahrtsort, wo ein aus der portugiesischen Zeit stammendes Marienbild (Mutter und Kind, letzteres mit Krone und Sonnenschirm, dem Zeichen der Königswürde) verehrt wird, in der Hauptwallfahrtszeit 30–40 Priester an einfachsten Beichtgittern im Freien 9 Tage lang bis in die Nacht hinein Beicht hören, während die Hälfte der Pilger zu ihrem Schmerz ohne Sakramentenempfang heimkehren muss, weil eben nicht genug Priester zur Verfügung stehen. Und dabei kommen die Leute von den Enden Ceylons und sogar vom indischen Festland in langer, beschwerlicher Reise! Neben den großen Predigten für die Pilgermassen finden unter schattigen Bäumen zwanglose Aussprachezirkel statt, in denen von Missionaren vor der lauschenden Menge die Glaubenswahrheiten gegen einen bestellten ‚Gegner‘ (meist einen christlichen Eingeborenen, der die heidnischen Anschauungen vertritt) verteidigt werden. Tagelang sind in dieser Zeit die nach Madhu führenden Straßen in Staub gehüllt. In dieser Staubwolke bewegen sich endlose Kolonnen von Ochsenkarren mit Pilgern und Massen von Fußgängern aller südindischen und ceylonesischen Rassen dem Wallfahrtsziele zu.

Auch Brahmanen und Buddhisten finden sich ein, aus Neugierde oder Glaubenssehnucht, die oft zur Glaubensbereitschaft wird. Madhu weist jährlich zahlreiche Konversionen auf. Die Massen haben keine Hotels. Das Hotel der Nomadenstadt ist der Dschungel. Die meist armen Leute – Madhu sieht jährlich nur 2000 Reiche – wohnen in Laubzelten. Jede Familie bildet aus dünnem Zweigwerk in Ellbogenhöhe einen Zaun um den gewählten Ruheplatz. (…) Arm und reich schläft nebeneinander, der Kastenstolze neben dem Paria. Das Auto steht neben dem Ochsenkarren. Vom Heiligtum Mariens in der großen Dschungelkirche, deren Holzsäulen Elefanten aus 10 km Entfernung herbeischleppten, strahlt jener Friede und Brudersinn aus, den die Gesellschaft des Mittleren Orients so sehr entbehrt.“[3]

Inneres der Wallfahrtskirche (Quelle: lakpuratravels)

Im Jahr 1944 weihte der Bischof von Jaffna, Msgr. Alfred Guyomar O.M.I., die Kirche unter dem Beisein einer großen Volksmenge. In den Nachkriegsjahren wurde die Statue Unserer Liebe Frau von Madhu zur Pilgermadonna, die in allen Pfarreien der Diözese Jaffna zur Verehrung der Gläubigen ausgestellt wurde, zunächst 1948 und dann 1974, dem von Papst Paul VI. ausgerufenen „Jahr der Versöhnung“. Im Jahr 2001 riefen die Gläubigen die Pilgermadonna besonders für den Frieden auf Sri Lanka an, da sich das Land durch den Konflikt zwischen Tamilen und Singhalesen im Bürgerkrieg befand. Dieser Krieg ging am Wallfahrtsort Madhu nicht spurlos vorüber; wie viele Gebiete des Nordens war auch der Distrikt Mannar, in dem Madhu liegt, eine der Hochburgen der Liberation Tigers of Tamil-Eelam (LTTE), einer bewaffneten separatistischen Gruppierung, die seit 1983 für einen unabhängigen Tamilenstaat auf der Insel kämpfte. In den 1990er Jahren bot der Wallfahrtsort 36.000 Binnenflüchtlingen Schutz und wurde von den Kriegsparteien als entmilitarisierter Bereich betrachtet, kam allerdings am 20. November 1999 unter Artilleriebeschuss – vermutlich durch die Regierungstruppen –, wobei 33 Flüchtlinge in der Herz-Jesu-Kapelle getötet wurden.[4] Als die singhalesischen Regierungstruppen 2008 eine großangelegte Offensive gegen die LTTE durchführte, in deren Rahmen die Rebellen militärisch besiegt wurden, kam es um Madhu erneut zu Kampfhandlungen, und die Statue der Madonna musste an einen sicheren Ort gebracht werden. Sri Lankas Bischöfe setzten sich in einem gemeinsamen Schreiben vom 23. April 2008 für ein Ende der Kämpfe rund um Madhu ein.[5]

Der Bürgerkrieg endete im Mai 2009 mit der Niederlage der LTTE und der Einnahme der Tamilengebiete durch die Regierungstruppen; im selben Jahr fanden sich zum Fest Mariä Himmelfahrt nach einigen Angaben bis zu einer halben Million Pilger ein.[6]

Auf seiner Reise nach Sri Lanka im Januar 2015 besuchte Papst Franziskus Madhu, wo er im Kontext des Bürgerkriegs und des damit verbundenen Leids darauf hinwies, dass die Mutter Gottes den Mördern ihres Sohnes unter dem Kreuz verzieh und darum auch Sri Lanka auf den Weg zu mehr Versöhnung führen würde. Der Papst legte der Statue einen Rosenkranz um den Hals und hob sie zum Segen über die 300.000 Teilnehmer des päpstlichen Besuchs in Madhu.[7]



[1] Deslandes O.M.I.: U.L. Frau von Madu, ein Wallfahrtsort auf Ceylon. In: Die katholischen Missionen, Herdersche Verlagsbuchhandlung, Freiburg 1907
[2] Nachrichten über Indien und Ceylon. In: Die katholischen Missionen, Xaverius-Verlagsbuchhandlung, Aachen 1925
[3] Peters, Joseph: : Maria, seliggepriesen von allen Völkern.  a.a.O.
[4] https://www.tamilguardian.com/content/our-lady-madhu-refugee-her-own-land-bishop
[5] https://omiusajpic.org/wp-content/uploads/2008/06/bishops-demand-ltte-quit-madhu-shrine.pdf
[6] https://udayton.edu/imri/mary/o/our-lady-of-madhu.php
[7] https://www.catholicregister.org/home/international/item/19535-in-madhu-pope-tells-sri-lankans-reconciliation-requires-repentance

Montag, 5. Januar 2015

So war der erste Weltkrieg in den Missionen: Der Erzbischof von Sydney gegen die ungerechte Gefangennahme von Missionären

Statue von Erzbischof Michael Kelly von Sydney

Nach einer stürmischen Reise von drei Wochen (13. Juli bis 4. August 1915) kamen die deutschen Oblatenmissionäre von Ceylon auf einem Transportdampfer in Sydney an. Sie wurden zunächst für einige Tage in ein Camp außerhalb der Stadt überführt, wo Bruder Dohren einem alten Lungenleiden, das sich auf der mühsamen Reise verschlimmert hatte, erlag. Dann brachte sie ein Küstendampfer nordwärts in das Gefangenenlager an der Trial Bay, wo sie mit etwa 200 Deutschen und Österreichern aus Ceylon, Singapur und Neuseeland in Gewahrsam sitzen. Die Missionäre werden wie Zivilgefangene behandelt und haben demgemäß das geistliche Kleid mit Weltkleidern vertauscht. Am 4. September durften sie wieder das erste Mal seit mehr als sieben Wochen die heilige Messe feiern. Die Wohnungsverhältnisse sind im Allgemeinen gut, das Klima trefflich. Der Briefverkehr wird natürlich sorgfältig überwacht und ist auf kurze englische und eine monatliche deutsche Mitteilung beschränkt.

Der Erzbischof von Sydney nahm unlängst bei einer öffentlichen Gelegenheit Stellung gegen die Internierungsmaßnahmen der Regierung. Er sei schmerzlich berührt über die Behandlung, die man den Missionären zu Teil werden lassen. Eine stattliche Zahl deutscher und österreichischer Missionäre und Schwestern seien jahrelang unter ihnen tätig gewesen, und nun sei man plötzlich an sie herangetreten mit der Nachricht, dass sie Gefangene seien und sofort abgeführt werden müssten. Diese Männer und Frauen seien Wohltäter des Volkes gewesen und hätten keine Verbrechen begangen, sondern nur Gutes bis zum Augenblick ihrer Gefangensetzung. Man könne sie ja wie gefangene Offiziere behandeln, sie aufs Ehrenwort verpflichten und unter Beobachtung stellen, aber man habe kein Recht, sie ohne Urteil wie Verbrecher einzusperren.
So apostolisch und freimütig diese Worte auch sind, sie scheinen ohne Wirkung geblieben zu sein.

(Aus: die katholischen Missionen, 1916)

Montag, 25. August 2014

Große Missionsbischöfe: Ein ganzer Missionär – Msgr. Clemente Pagnani O.S.B. Silv., Bischof von Kandy (Sri Lanka)

  (Bild hier, zweite Reihe links)

Bald nach dem Erzbischof von Madras entschlief der Senior des Episkopats von Ceylon, Bischof Clemente Pagnani O.S.B. von Kandy. Er stammte aus Fabriano im ehemaligen Kirchenstaat, war früh bei den Silvestrinern, einem Zweige des Benediktinerordens, eingetreten und 1861 im Alter von 27 Jahren zu Colombo auf Ceylon gelandet. Nach 18-jähriger Tätigkeit als einfacher Missionär wurde er 1879 zum Apostol. Vikar von Colombo ernannt. Clemente Pagnani war ein ganzer Missionär, dem jede Selbstsucht fernlag und der nur eins kannte: das Heil der Seelen.

Schon bald nach seinem Amtsantritt sollte er dafür das glänzendste Beispiel geben. Er überließ den Patres Oblaten Colombo mit etwa 128.000 Katholiken und übernahm mit seinen Ordensbrüdern das neu errichtete Vikariat Kandy. Die ganze Herde belief sich auf etwa 8.000 mit 6 Priestern.

Dieses Opfer blieb nicht ohne Segen. Das bezeugen folgende Zahlen. Bei seinem Tod hinterließ er 28.000 Katholiken in 11 Haupt- und 17 Nebenstationen, die von 6 europäischen und 17 einheimischen Priestern verwaltet wurden. Die 18 Elementarschulen wurden von etwa 2.000 Kindern, die höhere Lehranstalt von 340 Schülern besucht. 34 Schwestern, wovon 9 einer vom Bischof gegründeten einheimischen Kongregation angehörten, teilten sich mit 65 Lehrerinnen und Lehrern in die Leitung der Schulen und Waisenanstalten.

Was Bischof Pagnani selber seiner Herde war, und wie diese ihn ehrte, schildern am besten die schlichten Worte, die P. Gaspard S.J. über den Verstorbenen schrieb: „Er war ein Muster der Hingabe. Sein Leben verfloss in engster Verbindung mit dem Volk. Da er die einheimischen Sprachen wie ein Eingeborener beherrschte, hing ihm das Volk mit Begeisterung an und nannte ihn nur den singhalesischen Bischof. Alle, die mit ihm zusammenkamen, bewunderten sein geraden offenen Sinn, seine ungekünstelte Einfachheit und seine staunenswerte Demut. 

Die charakteristische Tugend des Prälaten war die Liebe zur Armut, die er in Wahrheit wie eine Mutter schätzte. Überall trat sie zu Tag, und er übte sie, auch wenn sie die peinlichsten [d. h. schmerzlichsten] Wirkungen für ihn hatte. Durch diese Verachtung alles Irdischen gab er der Welt des Luxus eine große Lehre. Solche Bischöfe brauchen wir.

(Aus: die katholischen Missionen, 1912)

Sonntag, 18. Mai 2014

Große Missionsbischöfe: „Möchtest du nicht als Missionär mit mir nach Ceylon gehen?“ - Erzbischof André Theopile Melizan O.M.I., Erzbischof von Colombo (Sri Lanka), Päpstlicher Thronassistent und römischer Graf


Eine empfindliche Lücke in die Reihen des vorderindischen Episkopats riss der Tod des hochw. Erzbischofs von Colombo, Msgr. André Theophile Melizan O.M.I. 

Marseille, die Wiege der Genossenschaft, welcher er angehörte, war auch sein Geburtsort. In den Adern des am 29. September 1844 geborenen Theophile floss das rasche Blut des Provenzalen, und es bedurfte der starken Hand eines strengen Vaters, um den jungen Studiosus bei seinen Büchern und Studien zu halten. Ein eigentümliches Zusammentreffen hatte dessen Beruf bestimmt.

1856 empfing Melizan aus der Hand des damaligen Apostol. Vikars von Jaffna (Ceylon), Msgr. Semeria, die erste heilige Kommunion. Dem ehrwürdigen Prälaten fiel das intelligente Gesicht des lebhaften Knaben auf, und er fragte ihn lächelnd: „Möchtest du nicht als Missionär mit mir nach Ceylon gehen?“  O ja, Monseigneur, sehr gerne“, lautete die prompte Antwort. 

Fortab träumte der Knabe nur noch von der Perleninsel Ceylon. Sein Beruf war entschieden. Mit 18 Jahren trat er 1862 in die Kongregation der Oblaten. Sein unruhiges stürmisches Temperament blieb ihm auch im Ordenskleid. „Das ist die Lawine Melizan“, hieß es, wenn er in jugendlichem Ungestüm durch Gänge und über Treppen sauste.

Am 19. September 1868 stand der neugeweihte Priester an Bord des Schiffes, das ihn nach dem Land seiner Träume bringen sollte, und sandte wie so viele Tausende französische Missionäre seinen Abschiedsgruß zum Heiligtum von Notre-Dame de la Garde hinauf. Ihm gilt der erste und letzte Blick der von Marseille abgehenden und dort landenden Apostel Frankreichs. 

In Jaffna wurde die Ankunft der neuen Verstärkung durch ein kleines Festmahl gefeiert. Statt der Speisekarte hatte ein alter launiger Missionär jedem der Ankömmlinge einen Spruch aus der Heiligen Schrift auf den Teller gelegt. Melizan, der mit seinem Flaumbärtchen noch sehr jugendlich aussah, las auf seinem Zettel die Worte: „Quis, putas, puer iste erit?“ (Was wird wohl aus diesem Knaben werden? Lk 1,66).

Das sollte sich bald zeigen. In wenigen Jahren zählte Melizan zu den tüchtigsten Missionären Jaffnas, der mit dem angeborenen Ungestüm und Feuer alles anpackte, für die schwierigsten Posten sich anbot und in allen Sätteln sich rasch zurechtfand. Als Sekretär des Bischofs, legte er Grund zu der prächtigen Druckerei in Jaffna, die der Mission in der Folge so ausgezeichnete Dienste leistete, als Pfarrer von St. Anna in Calpentyn brachte er diesen bei den einheimischen Christen so gern besuchten Wallfahrtsort hoch. Hier traf den 35-jährigen 1879 die Ernennung zum Weihbischof wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Sofort wollte er nach Rom schreiben, um das Unglück von sich abzuwenden. Aber ein schlimmes Geschwür an der Hand hinderte ihn, es selbst zu tun, und trotz alles Bittens und Flehens gab sich kein Mitbruder dazu her. Er musste sich fügen. (…)

Die Pfarrkirche in Marseille, wo sein Taufstein stand, sah 1880 auch seine Bischofsweihe. Das erste, was der Neugeweihte tat, war, dass er, durch ein Seitenportal hinaustretend, der kranken Mutter, die von einem Fenster des nahen Hauses aus, weinend der Feier gefolgt, den ersten bischöflichen Segen spendete.

Fassen wir das 25-jährige bischöfliche Wirken Melizans kurz zusammen. Neben dem großen Bischof Bonjean, dem Melizan zunächst als Apostol. Vikar von Jaffna (seit 1886) und dann als Erzbischof von Colombo (1893) folgte, hat wohl keiner um die Entwicklung der Mission auf Ceylon sich größere Verdienste erworben. 
Beide Diözesen (Jaffna und Colombo) gehören heute zu den bestorganisierten der Kirche Vorderindiens. Die großen Erziehungsanstalten: das St. Patrick-Kolleg und das Seminar St. Martin in Jaffna und das blühende St. Joseph-Kolleg in Colombo, sind bleibend mit dem Namen Melizans verknüpft.

„Gestatten Sie mir“, so sprach bei Gelegenheit des 25-jährigen Bischofsjubiläums (Januar 1905) der Apostol. Delegt Msgr. Zaleski vor den in Colombo versammelten Bischöfen und Priestern, „Ihnen zu sagen, wie sehr unser Heiliger Vater, der Papst (Pius X.), die Tatkraft, den Eifer, den Opfergeist und die Weisheit zu schätzen weiß, die während eines Vierteljahrhunderts Ihr fruchtbares Apostolat in den beiden Diözesen auszeichneten, die Gott Ihnen anvertraute. In beiden sind Sie Ihrer großen Herde ein liebevoller Vater und das Muster eines guten Hirten gewesen. Gewiss, Ihr erlauchter Vorgänger in Colombo hat die soliden Fundamente gelegt, aber Ew. Gnaden haben die Mauern ausgeführt und das Gewölbe gesetzt. Sie haben Colombo zu einer der schönsten Diözesen meiner Delegatur gemacht.“ 
Darauf übergab der Delegat dem Jubilar das Apostol. Schreiben, das ihn zum Römischen Grafen und päpstlichen Thronassistenten ernannte, die höchste Auszeichnung, die der Papst einem Bischof gewähren kann.

Das Jubiläum gestaltete sich zu einer großartigen Kundgebung der Verehrung und Liebe, deren Melizan sich selbst über den Kreis seiner Herde hinaus in so hohem Grade erfreute. 
Niemand ahnte damals, dass der herrliche Festschmuck der hl. Lucia-Kathedrale von Colombo bereits nach einem halben Jahr sich in das Trauergewand der Witwe wandeln sollte. 

Allein seit Jahren schon litt der Erzbischof an den Folgen eines Sonnenstichs, den er sich einst zugezogen. Im Mai reiste er nach Frankreich, um Heilung zu suchen. Dort rief ihn Gott am 27. Juni aus der irdischen zur ewigen Heimat. Seine leiblichen Überreste wurden nach Ceylon überführt und fanden in der Kathedrale von Colombo ihre Ruhestätte. Mit Rücksicht auf den hohen Verstorbenen hatte der Statthalter diese ungewöhnliche Vergünstigung erwirkt.


(Aus: die katholischen Missionen, 1906)

Dienstag, 22. April 2014

Der selige Joseph Vaz, der „zweite Franz Xaver“, der „Apostel von Ceylon“ – Musterbild eines einheimischen indischen Priesters

P. Joseph Vaz hat das Bischofsamt abgelehnt, deswegen hält er auf diesem Bild den Stab nicht in der Hand und trägt die Mitra nicht.

(...) Nach Zaleski (Msgr. Zaleski war Apostolischer Delegat für Hinterindien) verdankt die Kongregation (der Oratorianer in Indien) ihre Entstehung dem großen Erzbischof von Goa, Manuel Souza de Menendez O.S.Aug. (+1644), und wurde später durch den berühmten P. Joseph Vaz (1651-1711) reformiert und in festere Form gebracht. Diese aus lauter Brahmanen bestehende Genossenschaft wirkte hauptsächlich in Bijapur (Distrikt Satara), später auf Ceylon.

Als die kalvinischen Holländer nach der Eroberung der Insel (1656) die dortige katholische Missionskirche mit völliger Vernichtung bedrohten und alle portugiesischen Priester verbannte, eilte Vaz voll apostolischen Eifers dahin, landete als Sklave verkleidet 1687 in Dschaffna und übte nun, obschon fortwährend wie ein Edelwild gehetzt, während 20 Jahren jene rastlose, wahrhaft heroische Tätigkeit, die ihm mit Recht den Namen eines zweiten „Apostels von Ceylon“ verdient hat. 

Als er am 16. Januar 1711 starb, war die kleine Herde, die er angetroffen und sorglich gepflegt, auf 60.000 bis 70.000 Katholiken angewachsen. Ebenso wunderbar als sein Wirken war sein Leben. P. Freire S.J., Provinzial von Malabar, schrieb von ihm an den Vizekönig von Goa: „Alle betrachten ihn als einen Heiligen. Obschon die Häretiker überall nach ihm fahnden, können sie ihn doch nicht erwischen; er entzieht sich ihnen wie ein Proteus in allen möglichen Verkleidungen.“ „Das Leben, das P. Vaz führt“, so meldete P. J. Menezes 1698 an den Obern des Oratoriums von Goa, „ist mehr wunderbar als natürlich.“ 

Selbst ein so bitterer Feind der katholischen Kirche wie Harward nennt ihn „einen zweiten Franz Xaver“, und Sir J. Emerson Tennent spricht in seinem großen Werk über Ceylon mit Bewunderung von ihm. Msgr. Zaleski aber hofft eines Tages den Seligsprechungsprozess dieses einheimischen indischen Priesters einzuleiten. 
(er wurde am 21. Juli 1995 vom sel. Johannes Paul II. seliggesprochen)

(Aus: Der einheimische Klerus in den Missionsländern, von Anton Huonder S.J., 1909, mit Imprimatur)


Mittwoch, 5. März 2014

Passionsspiele bei den Kamloop-Indianern in British Columbia


Der Gebrauch, den neubekehrten Heidenchristen die Geheimnisse unserer heiligen Religion auf dem Weg dramatischer Vorstellungen anschaulich zu machen und packend nahe zu bringen, war beispielsweise in den alten Jesuitenmissionen sehr verbreitet. Diese Mysterienspiele haben sich in Südindien zum Teil bis heute erhalten. Auf Ceylon fanden sich, wie der kalvinische Prediger Barzäus in seiner „Wahrhaftigen und ausführlichen Beschreibung der Insel Ceylon“ (Amsterdam 1676) bemerkt, „meist bei allen Kirchen Theater oder Schaubuden, wo von den portugiesischen Jesuitenpatres an heiligen Tagen geistliche Historien dem (Volk) fürstellig gemacht wurden.“ (siehe hier und hier) Diese schöne Sitte ist heute u.a. in der blühenden Indianermission der Patres Oblaten am Fraser-Fluss (British Columbia) in einer sehr originellen Fassung wieder aufgelebt.

Hier werden nämlich in der Kamloop-Mission alljährlich Volksexerzitien für die Indianer des Flusstales abgehalten, zu welchen diese zahlreich von weit und breit sich einfinden. Den feierlichen Schluss dieser Geisteserneuerung bildet jedes Mal eine dramatische Vorführung der Leidensgeschichte unseres Herrn in lebenden Bildern. Die Rollen werden an eine auserwählte Schar von Indianer und Indianerinnen verteilt und sorgfältig eingeübt. Ein Chor unterstützt durch entsprechende Gesänge die Wirkung der in schlichter Einfalt dargestellten Szenen.
Von allen Seiten strömen die Zuschauer herbei, Indianer und Weiße, Protestanten und Katholiken, und die Kamloop-Mission ist für das Frasergebiet im Kleinen, was Oberammergau für die katholische Welt im Großen.

Das Ganze wird in den Rahmen einer feierlichen Prozession eingefügt. Glockengeläute eröffnet die Feier. Die Prozession ordnet sich. An der Spitze gehen die Frauen, diesen folgen die Mädchen, dann die Knaben und Jünglinge, zuletzt die Männer; die Angehörigen der verschiedenen Stämme jedes Mal in Gruppen zusammen. Die beiden Reihen schreiten, durch einen weiten Zwischenraum getrennt, langsam voran. Jede Gruppe beginnt in ihrer Sprache das volkstümliche Passionslied zu singen:

Dem Blut, das unser Heiland will vergießen,
Weiht euren Schmerz, lasst eure Tränen fließen.

Trotz der Verschiedenheit der Sprache klingt das Ganze harmonisch zusammen und macht zumal aus größerer Ferne einen tief ergreifenden Eindruck. Das Lied führt, wie es die Aufgabe der griechischen Chöre war, die Herzen in die Stimmung ein, die dem dramatischen Vorgang entspricht. In langer schlängelnder Linie zieht die Prozession langsam den Darstellungshügel hinan. Wehende Fahnen, grüne Kränze und Blumengewinde zieren den Weg; aus dem nahen Wald ertönt der Gesang der Vögel. Währenddessen bilden die kostümierten Spieler weiter oben, wo die breite Straße der Hügelflanke entlang führt, acht je 15-20 m voneinander entfernte Gruppen und stellen in lebenden Bildern folgende Szenen vor Augen:

1.       Jesus am Ölberg
2.       Jesus vor Annas und Kaiphas

3.       Jesus vor Pilatus

4.       die Geißelung


5.       die Dornenkrönung

6.       die Begegnung der Mutter Jesu


7.       den Fall unter dem Kreuz und


8.       die Begegnung der heiligen Frauen


Diese Leidensbilder werden hier von Indianern für Indianer dargestellt. Das darf man nicht vergessen. Der feine Kulturmensch könnte an der drastischen Art, wie einige der heiligen Szenen diesen Kindern der Wildnis zu Gemüt geführt werden, vielleicht Anstoß nehmen. 
Der Indianer aber hat kräftigere Nerven und einen unverdorbenen Natursinn, der jede Abschwächung als Mangel empfände. Er will das schreckliche Leiden des Herrn in seiner vollen Wirklichkeit mitempfinden und durcherleben. So steht denn z.B. bei der Geißelung der Herr bis an die Lenden entblößt in gekrümmter Stellung an einer niederen Säule. 
Die photographische Wiedergabe gibt die Wirklichkeit nur sehr unvollkommen wieder. Die ganze Umrahmung, der tiefe Ernst der Spieler, die sich lebendig in ihre Rolle hineindenken, verleiht dem Ganzen trotz der einfachsten Mittel eine mächtige Wirkung.

Auf der Spitze des Hügels ragt ein riesiges Kruzifix, an welchem in Lebensgröße ein in blasser Leichenfarbe bemalter Christus hängt. An diesem Kreuz wiederholt sich bildlich die letzte Szene auf Kalvaria. Eine Indianerin kniet unten am Kreuz und küsst, dasselbe mit ihren Armen umschlingend, die Füße des Gekreuzigten. Aus allen Wunden beginnt das Blut reichlich hervorzuquellen und auf das Haar und das weiße Gewand der Magdalena herabzutropfen. Zu beiden Seiten des Kreuzes stehen Maria und Johannes, dahinter und in der Runde die Juden und Soldaten mit Lanzen und Schwertern. 

Der Gesang verstummt. Das ganze Volk, im weiten Kreis auf dem Hügelplateau versammelt, fällt auf die Knie nieder und betet leise. Ein Soldat tritt vor und reicht an langer Stange einen Schwamm mit Essig empor. Ein Gefühl der Ergriffenheit zittert durch die Menge. Tief gesammelt verharrt sie im Gebet, das erst leise, allmählich anschwellend in lautes Murmeln übergeht. 
Nun erheben sich die Häuptlinge der verschiedenen Stämme und rufen, ein jeder in seiner Sprache: „Christus ist gestorben“. Ein Schluchzen und Weinen aus der Menge tönt als Antwort; von manchem Frauenantlitz sieht man die hellen Tränen niederrollen. Ein feierlicher Gesang in psalmenähnlicher Melodie und ein Gebet bilden den Schluss. Dann löst sich die Menge auf und geht schweigend auseinander.

Am Abend bildet das Lager der sieben Stämme einen malerischen Anblick. Hunderte von Feuern flammen vor den Zelten und werfen ihr flackerndes Licht auf die Frauen, Männer und Kinder, die rauchend, spielend und plaudernd um das Feuer herumsitzen. Dazwischen tönt das Schreien der Papuse (Säuglinge) und das Bellen der Hunde. Allmählich erlischt ein Feuer nach dem anderen, und über Kamloop herrscht die stille, dunkle Nacht.


(Aus: die katholischen Missionen, 1905)

Dienstag, 18. Februar 2014

Protestantische Prediger und andere Europäer fördern den Buddhismus in Sri Lanka



Die Bekehrung der Buddhisten, so schreibt P. Cooreman S.J. aus Galle, wird immer schwieriger. Schuld daran tragen die theosophischen Schwarmgeister und andere Europäer, die nicht genug für den Buddhismus Stimmung machen können. 

Im Januar 1910 trat ein protestantischer Prediger, Rev. Medhurst, von der Baptistensekte, öffentlich zum Buddhismus über und wurde von den Theosophen an die Spitze des buddhistischen Kollegs in Colombo gestellt. 
Vom 13. bis 20. Februar hielt ein anglikanischer Geistlicher, Rev. Moncrieff Scott, in Colombo Konferenzen über den Buddhismus, deren praktische Lehre war: Bleibt bei eurem Buddhismus. Der Herr forderte die Mitglieder auf, sie sollten Bonzen (buddhistische "Mönche") werden und das Volk in seinem buddhistischen Glauben stärken. Welchen Eindruck müssen solche Vorkommnisse auf die heidnische Bevölkerung machen!


(Aus: die katholischen Missionen, 1910)


Siehe auch:

Europäer als buddhistische „Missionäre“

Mittwoch, 11. Dezember 2013

Papst Pius XI. und eine politisch inkorrekte Gebetsmeinung



Für Februar 1936 hat Papst Pius XI. die folgende Missions-Gebetsmeinung (zu unterscheiden von der allgemeinen) herausgegeben:

„Die Verteidigung der Völker gegen das Werben des Islams“.


Auch interessant sind die Missions-Gebetsmeinungen für das Jahr 1937:


Januar: Die Christen in mohammedanischer Umwelt.

Februar: Die Jugend Indiens und Ceylons.

März: Die Bekehrung der Indianer Amerikas.

April: Die Aufdeckung und rechtzeitige Verhinderung der Gottlosenpropaganda in den Missionen.                              

Mai: Die missionarisch unerschlossenen Gebiete.

Juni: Die Offenbarung der christlichen Wahrheit an die Mohammedaner durch Liebeswerke und Schulen.                                          

Juli: Die Vermehrung und Verbesserung der Schulen in Afrika. 

August: Die Gewinnung der Heiden durch den Glanz der gottesdienstlichen Bräuche.              

September: Die Verbreitung der geistlichen Übungen des hl. Ignatius in den Missionsländern.

Oktober: Die Förderung der Missionskenntnis und -liebe bei allen Christen.            

November: Die Annahme des Glaubens durch die Buddhisten in China. 

Dezember: Die Anerkennung der makellosen Schönheit der geoffenbarten Wahrheit durch die Bürger des japanischen Reiches.       

(Aus: die katholischen Missionen, 1936) 

Montag, 30. September 2013

Europäer als buddhistische „Missionäre“


Buddhistischer "Exorzismus"

Vor etwa zwei Jahren wurde in diesen Blättern auf die bedauerliche Tatsache hingewiesen, dass der Buddhismus schon im Herzen Europas, zu Lausanne in der Schweiz, seinen Sitz durch Gründung eines Buddhistenklosters aufgeschlagen habe. Wie nun der Oblatenmissionär E. Groussault aus Jaffna uns unter dem 21. April dieses Jahres mitteilt, sind wieder drei Deutsche auf Ceylon gelandet, um in die Lehren und Riten des Buddhismus eingeweiht zu werden. Sie ließen sich vom Oberbonzen zum Bonzen weihen und besuchten dann die Hauptpagoden des Landes, wo sie reiche Geschenke darbrachten. 

Ungefähr um dieselbe Zeit predigten ein Engländer und eine Belgierin der armen buddhistischen Bevölkerung von Jaffna, sie möchten doch bei ihrer angestammten Religion bleiben, diese allein sei die richtige. So werden die Neuheiden Europas zu gefährlichen Widersachern der Missionäre in den heidnischen Ländern und zu noch größeren Verwüstern des Gottesackers in den christlichen Ländern des alten Kontinents.


(aus: die katholischen Missionen, 1915)

Sonntag, 25. August 2013

Freuden und Leiden eines Seminaristen im päpstlichen Seminar von Kandy (Teil 2)

Fortsetzung von hier

Nach Verlauf von sechs Monaten oder einem Jahre darf sich der junge Seminarist bereits sehen lassen. Der Wildling zählt seinen sechzehnten Frühling. Er spricht schon geläufig Englisch und bleibt nur hin und wieder noch hängen; das Latein geht noch ein bisschen schwerfällig, aber der Professor braucht sich nicht mehr zu scheuen, in der Klasse lateinisch zu sprechen. Wenn er nicht gar zu klassisch spricht, wird er verstanden. 

Die Zweitjährigen dürfen in der Erholung sich noch auf Englisch unterhalten; dann tritt als offizielle Umgangssprache das Latein an die Stelle. Was seine Manieren angeht, so kennt man den kleinen Seminaristen gar nicht wieder. Die jungen Leute, früher meist recht vernachlässigt, kommen hierher mit dem festen Entschluss, nützliche Priester und gute Missionäre zu werden. Sie haben sich gesagt: ‚Es ist der Wille Gottes; ich will es, es muss gehen.‘ Von Zeit zu Zeit gibt man einen leisen Wink, wie z.B.: ‚Ei, was tust tu da? Du bist kein Schuljunge mehr; sieh deinen Rock an; du bist ein Clergyman, ein Kleriker; sei verständig.‘ Das genügt. 

Ich wollte, Sie könnten sie bei ihrem gemeinsamen Gebet sehen, während ihrer halbstündigen Privatbetrachtung oder während der stillen Studienstunde ohne eine andere Aufsicht als das Auge Gottes. Vor etwa zwei Wochen fragte ich einen unserer jüngeren Alumnen, wie es ihm beim Studium gehe. ‚Ich würde es gerne besser machen,‘ lautete die Antwort, ‚denn ich denke immer, Gott sieht mich, und er liebt mich, und ich möchte gern ihm Freude machen und mich später seinem Dienst weihen.‘

Und nun sehen Sie sich unsere Philosophen an, die seit drei Jahren im Seminar sind. Sie kommunizieren häufig, und ihr Betragen könnte manchen in Europa zum Muster dienen. Man sollte es gar nicht glauben, dass diese jungen Männer von zwanzig Jahren früher die einheimische Tuchhülle, Haarschopf und Ohrenringe getragen. Sie sind am Spielen mit einem seltenen Feuer, mit leuchtenden Augen, Füße, Hände, der ganze Körper, die Zunge nicht ausgenommen, in lebhafter Bewegung. Da plötzlich tönt die Schelle, und alles ist mäuschenstill, wie ausgestorben. Folgen wir ihnen. Jeder ist vor seinem Arbeitstischchen auf den Knien und betet einige Augenblicke, bevor er das Studium beginnt.

Von Zeit zu Zeit ist noch eine kleine Warnung nötig, ein Fehltritt zu tadeln, ein Rückfall zu alter Natur festzustellen. Der Inder scheint von unseren Anschauungen und Begriffen aus ein geborener Lügner. Ohne besondere Absicht, ohne Bosheit, ohne Skrupel sagt er das Gegenteil von dem, was wahr ist, oder verschweigt etwas, einzig und allein, weil der Satz so besser klingt, oder des Euphemismus wegen, oder weil er meint, Ihnen so etwas Angenehmes zu sagen…

Und nun unsere ältesten von 21, 22, 24 Jahren, die Theologen. Ich bin überzeugt, sie haben mit keinem europäischen Seminar den Vergleich zu fürchten, sowohl was den ernsten Eifer beim Studium, bei den Zirkeln und monatlichen Disputationen, als was den Anstand bei Tisch, in der Erholung und bei der Unterhaltung und selbst was die Zartheit des Gewissens angeht. Es ist rührend, mit welcher Gewissenhaftigkeit sie sich selbst über geringe Fehler öffentlich im Speisesaal anklagen. 

Vor zwei Monaten kam einer, ein trefflicher Fußballspieler, und bekannte, dass er nicht unempfindlich dagegen sei, wenn man nach einem guten Schlag ihm lauten Beifall zolle. Ob es da nicht gut wäre, wenn er hie und da einmal absichtlich einen Luftschlag tue? …Freilich würde dann seine Partei verlieren, was dieser unangenehm sein könnte. Was er da am besten tun solle. Diese Einzelheiten mögen manchem kleinlich erscheinen; ich dachte aber, sie dienten dazu, einen anschauliche Idee von unseren jungen Priesterkandidaten zu geben.“


(Aus: die katholischen Missionen, 1899)

Samstag, 24. August 2013

Freuden und Leiden eines Seminaristen im päpstlichen Seminar von Kandy (Teil 1)


Das Seminar, über dessen Gründung und Wichtigkeit wir früher ausführlicher berichteten, entwickelt sich unter der Leitung belgischer Jesuiten sehr günstig. Nach 2 ½ Jahren werden die ersten zehn Priester aus der Anstalt hervorgehen. 

Die lange Dauer des Lehrgangs ist teils durch die sehr mangelhafte Vorbereitung der Alumnen bei ihrem Eintritt, teils durch das hohe Ziel bedingt, einen in wissenschaftlicher und religiöser Beziehung wirklich musterhaften einheimischen Klerus zu erziehen. 

Es wird unsere europäischen Seminaristen gewiss sehr interessieren, etwas Näheres über den Entwicklungsgang ihrer indischen Kollegen zu vernehmen. Der Brief eines der Professoren von Kandy, des hochw. P.J.B. van der Aa S.J., schildert uns denselben in anschaulicher Weise folgendermaßen:

„Als man mir sagte, dass die älteren Seminaristen, die bereits seit vier Jahren hier sind, bei ihrem Eintritt hinsichtlich ihrer äußeren Zivilisation und geistigen Vorbildung das genaue Abbild der zuletzt angekommenen gewesen seien, die ich selbst zu beobachten Gelegenheit hatte, konnte ich es kaum glauben. Da kommen sie daher, in ein langes Tuch, ihr Festtagsgewand, gehüllt. Dasselbe ist meist von weißer Farbe und fällt bis zu den Fersen herab. Darüber sitzt ein kurzes Jäckchen, das nicht immer nach dem Maß genommen ist. 
Das ist alles; nur selten tragen sie auf dem Kopf eine kleine Mütze, da sie für den Turban noch zu jung sind. Im Übrigen barfuß, durchweg barhäuptig, das lange Haupthaar in einen Knoten geschlungen, auf Rücken und Nacken fallend. Die meisten haben ihre Schmucksachen zu Hause gelassen. Denn die christlichen Priester und buddhistischen Bonzen ausgenommen, trägt hier jedermann allerhand Geschmeide an sich: Ringe an den Fußzehen und Fingern, Reife und Spangen, kleinere an den Ohrläppchen, größere an den Handwurzeln, über den Ellbogen, sehr große an den Fußknöcheln und Waden, Halsketten usw. Das erste, was mit dem neuen Seminaristen geschieht, ist, dass man ihm sein langes Haar, den Schopf, abschneidet.

Diese Amputation ist ihnen sehr schmerzlich; ich kenne einen, der jetzt noch, nach drei Jahren, nicht ohne Schmerzensseufzer daran zurückdenkt. Dann nimmt man dem jungen Herrn das Maß für Soutane und Beinkleider und gibt ihm Anweisungen, diese ihm neuen Dinge richtig anzuziehen, sonst käme sicher das unterste zu oberst. 

Die fertige Soutane wird zuerst vom Rev. P. Superior in der Kapelle gesegnet. Der damit bekleidete kleine Mann ist glücklich wie ein Prinz und singt und tanzt vor Freude. Aber nach einigen Tagen schon beginnt die erste Trübsal auf seiner kirchlichen Laufbahn. O diese Schuhe! Man muss ihn sehen in diesen für ihn buchstäblichen Hemmschuhen, wie er die Schumacher verwünscht und sein hartes Geschick beklagt. Wie, soll das Leben eines Priesters wirklich um solchen Preis erkauft werden? Nein, das ist doch ein zu harter Beruf. Doch allgemach schöpft er wieder Mut; in seinem Alter hat man immer Mut. 

Sechs Wochen, zwei Monate lang geht er einher, indem er bei jedem Schritt ein Bein nach dem anderen steif wie einen Ladstock emporzieht, als ob die Knie durch eine Schnur in die Höhe gezogen würden. Während dieser Zeit lernt er auch bei Tisch manierlich essen und mit Teller, Glas, Löffel und Gabel umgehen. Das ist die zweite Prüfung seiner kirchlichen Laufbahn. 
Es braucht unstreitig einen ausgesprochenen Beruf, um das Widerstreben zu besiegen, das unsere für ihn so unappetitliche Art, zu essen, ihm einflößt. Immer und immer wieder mit einem Instrument zum Munde fahren, das man so oft schon berührt hat – pfui! Daheim war alles so ganz anders: statt der Teller und Platten dienten schöne, große Bananenblätter, die man nach einmaligem Gebrauche wieder fortwarf, und wozu Löffel und Gabel? Hat nicht die Natur uns an jeder Hand fünf Finger gegeben? Mit diesen legt man auf das Blatt ein Häufchen Reis und das zu kleinen Klößchen geformte Fleisch, taucht den Bissen in die scharfe Tunke und lanciert ihn mit geschicktem Wurf in den Mund, ohne die Lippen zu berühren. In ähnlicher Weise geht das Trinken vor sich. Man lässt aus einem Krug von oben einen feinen Wasserstrahl in den Mund springen…Und nun soll man alle diese Gewohnheiten gegen so ganz verschiedene austauschen!(…)

Und nun kommen die Studien. Zuerst das Studium der Muttersprache; denn häufig kennen die Alumnen bloß den Dialekt, den sie bisher gesprochen; dann die englischen Stunden. Diese Sprache wird immer unentbehrlicher, will der spätere Priester auch nur ein wenig aus seinem Heimatdörflein und seinen Dschungeln heraustreten, und zudem ist es die Haussprache des Seminars.

Es folgt der Unterricht im Latein, das für den angehenden Priester natürlich unentbehrlich ist, und in der Mathematik. Auf diesem Felde würden Ihre belgischen Zöglinge von den unsrigen auf der ganzen Linie geschlagen werden; denn die Inder sind für dieses Fach ganz besonders begabt. Der Unterricht in Geschichte und Geographie muss bei den meisten ganz von vorne beginnen. Da bekommt man Fragen von köstlicher Naivität zu hören. Noch kürzlich meinte einer, in Europa gäbe es weder Arme noch Arbeiter, sondern bloß reiche, vornehme Herren, die von ihren Renten leben.

Im Griechischen ist natürlich auch tabula rasa; P. Bossen könnte Ihnen davon erzählen. Die geschilderten Verhältnisse sind die Regel. Indes kommt es doch ziemlich häufig vor, dass die Beamtenstellung des Vaters, der Wohnaufenthalt in einer großen Stadt, der Besuch einer Schule oder selbst eines Kollegs schon etwas vorgearbeitet haben. Es bleibt uns dann nur noch übrige, die Umrisse zu vervollständigen und die begonnene Ausbildung weiterzuführen.

(Aus: die katholischen Missionen, 1899)

Fortsetzung hier

Samstag, 11. Mai 2013

Die verheerenden Auswirkungen des ersten Weltkriegs auf die Missionen

Fähnrich in Deutsch-Ostafrika
(Quelle: Bundesarchiv, Bild 105-DOA6369 / Walther Dobbertin / CC-BY-SA)

Der gegenwärtige Krieg ist durch England und Frankreich, welche Senegalesen und Spahis, Japaner und Inder, Kanadier und Südafrikaner mit in den Kampf rissen, zum furchtbaren Völkerringen geworden, das über die ganze Welt seine unheilvollen Einflüsse geltend macht.

Alle jene Einzelerscheinungen nun im heimatlichen Missionsbetrieb und auf dem weiten Missionsfelde, die mit dem gewaltigen Völkerkrieg im Zusammenhang stehen, gedenken wir nach und nach in diesen Blättern zusammenzustellen, um so unsern Lesern einen Einblick in die Lage und die Nöte der Missionen bieten zu können.

In erster Linie scheint das Missionspersonal durch den Krieg schwer betroffen zu sein. Viele Missionäre und Schwestern, die bereits zur Abreise gerüstet waren, mussten die Abfahrt auf ruhigere Zeiten verschieben. 
Von den Steyler Missionären und Schwestern allein konnten 40 Patres, 20 Brüder und wohl ebenso viele Schwestern den Weg zu ihrem Bestimmungsort nicht antreten, darunter der neugeweihte Apostolische Vikar von Togo, Bischof Wolf. Das gleiche Geschick traf eine Reihe von Oblaten der Unbefleckten Jungfrau Maria, und die ersten Missionäre aus der Picpusgenossenschaft, die eben nach Deutsch-Neuguinea abreisen sollten. 
Vier deutsche Jesuiten, die sich auf dem Weg nach Brasilien befanden, wurden auf Madeira angehalten; zwei sahen sich gezwungen, in Funchal zu bleiben, die beiden andern befinden sich als Kriegsgefangene in England. Zwei Jesuiten, die aus Chile nach Deutschland zurückkehren wollten, mussten auf spanischem Boden verbleiben. Dem deutschen Jesuitenbsichof Heinrich Doering von Puna und seinen Begleitern ist die Rückkehr nach Indien einstweilen unmöglich gemacht. 
Ähnliche Fälle werden wohl die meisten Missionsgenossenschaften aller Länder zu berichten haben.

Aber dieser Ausfall an neuem Missionspersonal bedeutet nur einen schwachen Teil des Verlustes, den die auswärtigen Missionen erlitten. Weite Gebiete sind der Missionäre beraubt, und mancherorts unterliegt die Tätigkeit der Glaubensboten einer hemmenden Kontrolle. 
So wurden aus Ceylon die deutsche Oblaten, wie Bruder Grouffault uns aus Jaffna schreibt, für Kriegsgefangene erklärt. Sie müssen sich täglich des Morgens und Abends dem englischen Agenten stellen, dürfen aber 5 Meilen in der Runde von ihrer Residenz aus ungehindert ihre apostolische Tätigkeit entfalten. Ähnlich erging es den deutschen Jesuiten in Bombay und Puna. Die jüngeren Ordensleute sollen sogar interniert sein.

Aus Korea meldet Abt Bonifaz Sauer OSB, dass die japanische Regierung die deutschen Mönche bisher in ihrer Wirksamkeit nicht behindert habe und einstweilen kein Grund zur Besorgnis vorliege.

Besonders hart ist das Schicksal der von französischen Glaubensboten geleiteten Missionen. 
In ihrem Hasse gegen die Kirche kennt die französische Regierung keinen Unterschied zwischen Priestern und Laien, und so hat sie aus allen Weltteilen Missionäre nach Frankreich abberufen und an die Front kommandiert. 
Aus Korea zog beinahe die Hälfte der Missionäre fort, aus Japan und China eine stattliche Zahl, aus Indien Ende August über 15 Patres aus dem Pariser Seminar. Von Konstantinopel aus landeten bis Anfang September in Frankreich 70 Ordensleute: Assumptionisten, Lazaristen, Salesianer und Schulbrüder. In der gleichen Zeit kamen auf zwei Schiffen in Marseille 63 Ordensleute aus Ägypten und 24 aus Smyrna an. 

Sogar drei Bischöfe mussten ihre Herden verlassen, Bischof Florian Demange von Taiku in Korea, Bischof Joseph Perros, Apostolischer Vikar in Siam und Bischof Moury, Apostol. Vikar der Elfenbeinküste. Dieser musste mit seinen Missionären nach Senegal in den Kolonialkrieg; das Apostol. Vikariat ist kirchlich ohne Hirten. 
Die empörende Behandlung der Missionäre durch die französische Regierung bedeutet einen furchtbaren Schlag für weite und zahlreiche Missionsgebiete.

Jahrzehnte wird es vielleicht bedürfen, bis der angerichtete Schaden bei dem schwachen Nachschub von Missionspersonal aus Frankreich wieder gut gemacht ist, es müsste denn sein, dass Gott in anderen Ländern zahlreiche Berufe erwecke.


(Aus: die katholischen Missionen, 1915)

Freitag, 26. April 2013

Ein „echter Teufel“ wird Missionar



P. Jean-Ovide Védrenne wurde einst als „echter Teufel“ bezeichnet, aber durch die Hilfe der Gottesmutter folgte er dem Banner der Immaculata, um für das Heil der Seelen zu streiten. Dies ist ein Beweis für die Macht der allerseligsten Jungfrau und bestärkt die Hoffnung, dass selbst die schlimmsten und verstocktesten Sünder Freunde Gottes werden können.

Der Franzose Jean-Ovide war ein begabter und intelligenter Jugendlicher, wenn auch faul. Früh schloss er sich einer Jugendgruppe der Freimaurer an und nahm nicht nur oberflächlich an der Revolution von 1848 teil. 
Nach einiger Zeit im Gefängnis trat er mit 20 den Zuaven bei, wo er für seinen Mut und seine Missetaten bald fragwürdigen Ruhm erlangte. 
Drei Mal wurde er zum Sergeant befördert, und ebenfalls drei Mal für Ungehorsam wieder degradiert.

Während des Krimkriegs widmete er sich der Krankenpflege und erkrankte an Typhus. Wegen seines schlimmen Zustands kam der Feldkaplan, den er allerdings schroff abwies.
Einer Barmherzigen Schwester gelang es, ihn dazu zu bringen, eine wundertätige Medaille anzunehmen, die er dann auch treu trug.

Nach dem Krieg kehrte er ins Zivilistenleben zurück, an dem er wenig Geschmack fand und beschloss so, sich zusammen mit einem Freund umzubringen. Sie hatten nur eine Pistole, deshalb erschoss sich sein Freund zuerst. 
Jean wäre wohl genauso geendet, wenn nicht einige Freunde, die den ersten Schuss hörten, ihn zurückgehalten hätten. Einige Tage später, traf der verarmte und verzweifelte Jean einen Priester auf der Straße und sagte sofort: „Pater, ich möchte beichten gehen, aber nicht bei Ihnen, Sie sind zu jung.“
Der gute Priester führte Jean zu einem Missionar. Nach der Beichte blickte Jean den Geistlichen neugierig an.
„Sie sind nicht wie die anderen Priester! Sie tragen ein Kruzifix in Ihrem Gürtel wie eine Pistole..:“ Der Priester antwortete, dass er ein Missionar sei. „Ach! Was sagen Sie da, Missionar…Das hört sich nach fernen Ländern und hartem Leben an…und ist Maria der General?...Kann man sich Ihrem Verein irgendwie anschließen?“
„Vielleicht, aber das muss der Pater Provinzial entscheiden.“ „Der Provinzial? Ist das der Musterungsoffizier?“ Fragte der alte Soldat. „Das ist richtig…“
Der Provinzial nahm den Konvertiten herzlich auf und nach einigen Tagen Überlegung führte er ihn ins Noviziat. Obwohl er bereits 35 war, fügte sich Jean der Regel und den Anforderungen des Ordenslebens.

Nach seiner Priesterweihe wurde er nach Sri Lanka geschickt. Viele Jahre hat er seine Mitbrüder und die Gläubigen erbaut. „Oh Gott, vergib mir. Ach! Hätte ich dich nur früher gekannt“, sagte er oft.

Im Jahr 1888 erkrankte er schwer. Das Ende war nah. Ein Mitbruder versuchte, ihn zu trösten und sagte: „Pater Védrenne, Sie lieben doch die allerseligste Jungfrau?“, worauf dieser antwortete:  „Eh! Wer hat Ihnen gesagt, dass ich es nicht täte? Ein Zuave hat keine Angst vor dem Tod. Am Morgen habe ich Gott gewarnt, dass er heute einen berühmten Halunken empfangen würde…“
Der Soldat der Gottesmutter erhielt seinen Marschbefehl; der General rief ihn heim.

(Aus der neuen Ausgabe von Catholic via OMI World (mit Bild))